Selbsterkenntnis
Seit meiner ADHS-Diagnose vergeht fast kein Tag, an dem ich mich nicht mit der Thematik beschäftige. Anfangs ging es primär um ADHS und Neurodiversität ansich, doch mit der Zeit schaute ich mehr und mehr darauf, wie die damit verbundenen Verhaltensweisen, Denkmuster und Coping-Mechanismen mich in meinem bisherigen leben beeinflusst haben, ohne dass ich das bewusst mitbekommen habe. An dieser Stelle möchte ich versuchen, diese zu clustern und für mich aufzuarbeiten.
Dich erwartet ein Deep Dive, eine Wall of Text und viel Selbstoffenbarung meinerseits. Don’t tell me I didn’t warn you!
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Ablenkungen und Konzentration
Vermutlich mit das erste, an das Menschen denken, wenn sie ADHS hören oder lesen. Ich lasse mich wahnsinnig leicht ablenken. Früher während des Unterrichts in der Schule oder bei Klassenarbeiten, heute im Büro oder wenn ich unterwegs bin - ein Vogel vor dem Fenster, ein vorbeifahrender Radfahrer, ein Flugzeug am Himmel, ein unerwartetes Geräusch, ein vorbeigehender Kollege oder die Waschmaschine, die beginnt zu schleudern. Mehr braucht es nicht, um mich aus der Konzentration auf eine Aufgabe zu reißen. Genauer: Es geht um Aufgaben, die mich nicht packen, nicht mitreißen, nicht faszinieren.
Mich auf etwas zu konzentrieren kann eine Menge Energie kosten und vor allem einige Zeit dauern, bis ich im “flow” bin. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn die kleinste Ablenkung mich wieder rausreißt und ich mich wieder zwingen muss, meine Gedanken auf die Aufgabe vor mir zu konzentrieren. Das passiert auch bei gesprächen oder in anderen Situationen, auch wenn es da nicht so sehr auffällt.
Häufig verliere ich auch mitten während des Satzes den Faden oder vergesse wörter, die mir eben noch auf der Zunge lagen und die beispielsweise zu meinem täglich angewandten beruflichen Wortschatz gehören. Was besonders bei Kundenterminen unangenehm ist, auch wenn ich inzwischen gelernt habe, solche Aussetzer zu überspielen und ggf. spontan andere passende Begriffe oder Umschreibungen zu verwenden. Manchmal heißt es aber doch nur: “Entschuldigung, ich habe gerade den Faden verloren - wo war ich?”
Manche Menschen empfinden das als Unaufmerksamkeit oder als respektlos, je nach Kontext. Und ich habe mir das öft sehr zu Herzen genommen, denn nichts liegt mir ferner, als respektlos zu sein - heute weiß ich, dass diese Aussetzer oder Ablenkungen nichts sind, was ich großartig “beheben” kann. Ich versuche daher, meinen Gesprächspartnern so gut es geht zu erklären, was die Hintergründe sind und wieso ich trotzdem nicht weniger als andere an ihnen und ihren Themen interessiert bin - auch wenn es nach außen hin manchmal anders aussieht.
Hyperfokus
Habe ich einmal eine Aufgabe oder ein Thema gefunden, das mich brennend interessiert oder bei dem ich das Bedürfnis habe, die Sache voranzubringen, versinke ich oft komplett in dieser Thematik. In diesem Zustand sind Ablenkungen selten, oft bekomme ich es nicht einmal mit, wenn jemand neben mir steht und mich direkt anspricht. Dieser “Hyperfokus” ist vielen ebenfalls als ADHS-typisch bekannt.
Der Vorteil ist, dass ich in diesem Zustand sehr schnell Wissen erfasse und anwende. Optimalerweise handelt es sich um ein Themengebiet, in dem ich bereits Erfahrung gesammelt habe, denn in diesem Fall bringe liefere ich schnelle und durchdachte Ergebnisse ab, für die andere Menschen mit demselben zugrunde liegenden Wissen oft deutlich länger brauchen oder einige Aspekte nicht berücksichtigt hätten, die mir logisch erscheinen. Wenn ich in der “Zone” bin, fräse ich mich durch Dokumentationen, schreibe umfangreiche Scripte, erdenke Prozesse und bleibe auch an hartnäckigen Fehlern so lange dran, bis es eine Lösung gibt.
Der Nachteil: Schafft es jemand, mich in diesem Zustand abzulenken, ist es meist vorbei. Ich kann diesen Hyperfokus nicht auf Befehl an- un ausschalten, und wenn ich einmal rausgerissen wurde, ist es ein Glücksspiel, ob ich wieder zu diesem Zustand finde oder nicht. Pro-Tipp: Wenn ich Kopfhörer aufhabe und konzentriert an einer Sache arbeite, einfach nicht stören.
(Un-)Pünktlichkeit, Ungeduld und Zeitwahrnehmung
Wann kommt der elende Bus endlich? Ich warte hier schon… Blick auf die Uhr mindestens drei Minuten! Zeitwahrnehmung ist bei mir so eine Sache. Wenn ich im Flow bin fliegt die Zeit dahin, zehn Stunden am Stück arbeiten oder im Hobby versinken: Kein Problem, aber wieso ist die Sonne schon wieder weg, eben war sie doch noch da! Aber wenn das Gehirn keinen neuen Input bekommt, bei Langeweile oder wenn es nichts spannendes zu tun gibt, ziehen sich Minuten wie Stunden.
Heutzutage ist das zum Glück etwas weniger ein Problem als in meiner Kindheit, ich habe ja immer meinen Dopamingenerator (das Handy mit Serien, Musik, Wikipedia, Mastodon, …) dabei. Trotzdem ist Langeweile unerträglich und das ersatzweise angeworfene Doomscrolling und die Medienberieselung mildern den Effekt meist nur ein wenig ab. Ich bin mir bewusst, dass ich mich selber austricksen will, damit verliert das Ganze einen Teil seiner Wirkung.
Ich wurde schon einige male gefragt, wieso ich eigentlich als Mensch mit neurodiversem Hintergrund trotzdem nahezu immer pünktlich bin. Das hat im Grunde zwei Ursachen: Zum einen hasse ich es selber, auf jemanden zu warten. Und das möchte ich den Personen, mit denen ich mich treffe (egal ob beruflich oder privat) nicht selber antun. Zum anderen habe ich ein extrem schlechtes Gewissen, wenn ich selber zu spät komme. Auf die (meistens) vollkommen überzogenen Selbstvorwürfe kann ich gerne verzichten. Also sehe ich zu, dass ich zum vereinbarten Zeitpunkt da bin. In den meisten Fällen bin ich schon deutlich früher vor Ort und langweile mich eben. Das ist die angenehmere Alternative. Wie viel zu früh, willst Du wissen? Eine Stunde ist keine Seltenheit…
Brain Fog, Blockaden und Erschöpfung
Kennst Du das, wenn Deine Denkprozesse sich anfühlen, als wenn sie durch dickflüssigen Honig gezogen werden? Wenn Du keinen klaren Gedanken fassen kannst, weil er zerfasert, bevor er vollständig manifestiert ist? Nein? Sei froh! An manchen Tagen ist es schwer, alleine die Morgenroutine zu erledigen. Wecker abstellen, aufstehen, duschen, Zähne putzen, anziehen, Medikamente, Arbeitsgerät ein- oder auspacken, … weder die Reihenfolge noch die genauen Abläufe liegen klar vor mir und ich muss jeden Schritt einzeln zusammendenken, bis er Sinn ergibt oder ausführbar wird. Es fühlt sich ein wenig an wie der Zustand, wenn man gerade aus einem intensiven Traum unvermittelt aufwacht und ein paar Sekunden lang Probleme hat, zwischen dem Nachhall und der Realität zu unterscheiden. Nur, dass es sich manchmal über den ganzen Tag hinweg zieht.
Oft kommen dazu noch komplette Blockaden, quasi ein brain freeze. Meist ausgelöst durch repetetive oder als sinnlos empfundene Aufgaben, die man einfach nicht beginnen kann. Diese mentale Blockade wird auch oft ADHS-Paralyse genannt. Nach außen hin sieht es oft wie Prokrastination aus, in meinem Kopf funktioniert aber einfach der Weg von “wollen” zu “machen” nicht. Ist es fehlende Motivation? Möglicherweise, denn Motivation funktioniert in meinem Gehirn nicht “normal”. Gerade in Zeiten, wo ich sowieso unter vernebelten Gedanken leide, ist die voraussichtliche Dopamin-Belohnung für das Abschließen der Aufgabe (und die Aussicht, mich danach mit spannenderen Dingen zu beschäftigen) nicht groß genug, um ins Handeln zu kommen. Eine verzögerte Belohnung in Form von Vorfreude hat kaum eine antriebssteigernde Wirkung. Dazu kommt oft eine Art lähmender Gedankenkreis, denn in solchen Momenten weiß ich sehr genau, dass ich keine Leistung erbringen kann - und werde damit weder meinem eigenen Anspruch noch dem anderer Personen gerecht.
Das und viele andere der auf dieser Seite beschriebenen Verhaltens- und Denkweisen führen häufig zu einer anhaltenden Erschöpfung. Probleme zu maskieren und vor meiner Umwelt zu verbergen kostet genauso viel Kraft wie mich dazu zu zwingen, unspannende Aufgaben zu bearbeiten, mich mit Menschen und Ablenkungen zu umgeben und generell einfach zu funktionieren, wie es die Gesellschaft von mir erwartet. Das ging viele Jahre mehr oder weniger gut, doch je älter ich werde, desto stärker wird die Erschöpfung. Ich lerne jetzt erst, was die Ursachen sind, wie ich achtsamer mit mir selber umgehe und wie ich meine Umgebung so verändern kann, dass ich mit etwas weniger Stress durch den Alltag komme. Trotzdem fürchte ich, dass noch ein langer Weg vor mir liegt.
Chaos, Perfektionismus, Hoarding
Ich erinnere mich sehr gut an einige Details meiner Kindheit. Vor allem an die ständigen Ermahnungen, mein Zimmer aufzuräumen und Dinge doch einfach wieder dort hin zu stellen, wo ich sie hergenommen habe. Zahllose Versuche, mir das Aufräumen beizubringen, ebenso zahlreiche in Aussicht gestellte Belohnungen und teilweise Sanktionen, wenn das Zimmer immer noch wie ein Schlachtfeld aussah. Versteh mich nicht falsch, ich mache meinen Eltern keinen Vorwurf daraus, ich hätte in ihrer Situation vermutlich genauso hartnäckig versucht, das Chaos unter Kontrolle zu bringen. Ich habe mich selber oft gefragt, wieso mir Ordnung halten so schwer fällt und heute habe ich endlich eine Antwort, die mir selber logisch genug erscheint, weil sie sich mit meinen Selbstbeobachtungen deckt: Wenn Dinge weggeräumt sind, vergesse ich sie. Klingt komisch? Ist es auch! Stell Dir vor, Du kaufst Dir ein tolles Gimmick, für das Du tausend Ideen hast, was Du damit machen kannst. Dann räumst Du es nach dem ersten herumspielen damit in die Schublade - und findest es Monate später auf der Suche nach einer anderen Sache zufällig wieder. Du hast es nicht vermisst, hast Dir nie die Frage gestellt, wo denn dieses tolle Tool sein mag - es war einfach aus den Gedanken verschwunden. Das ist frustrierend und offenbar hat mein Gehirn eine geniale Strategie entwickelt, um so etwas zu verhindern: Ich lasse einfach alles, was ich gerade spannend finde, in Sichtweite liegen. Gut, “in Sichtweite” ist vielleicht etwas irreführend für außenstehende, denn ist etwas in Sichtweite, wenn es unter einem Haufen anderem Kram vergraben liegt? Sagen wir “in Griffweite”. Und so wächst das Chaos. Kurioserweise weiß ich bei den chaotisch deponierten Dingen in fast allen Fällen, wo ich sie ungefähr abgelegt habe.
Diese verhaltensweise kollidiert massiv mit meinem eigentlich ziemlich ausgeprägten Perfektionismus. Am liebsten würde ich jederzeit eine aufgeräumte Umgebung um mich haben, um immer genug Platz und Ordnung zu haben, meine Projekte dann zu bearbeiten, wenn ich Lust darauf habe. Ich schaffe es aber nicht. Ich lebe meinen Perfektionismus in Scripten und Programmen oder auch hier, auf dieser Webseite aus, denn meist habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie das Endergebnis aussehen soll. Aber der Weg dahin ist auch wieder maximal chaotisch: Ich schreibe etwas fast zu Ende, verwerfe alles, schreibe es mit den bis dahin gewonnenen Erkenntnissen und Eindrücken neu, verwerfe es wieder, mache es noch einmal ganz anders. Udn auch bei der Dateiablage geht es chaotisch zu, obwohl ich eigentlich eine saubere Sortierung nach verschiedensten Kriterien bevorzugen würde. Der Download-Ordner? Fragt nicht. Dokumente? Rechnungen liegen neben halbfertigen Briefen, Ideensammlungen und Testdateien, oft mit Namen wie “bla.txt”, “Kopie von Kopie von Kopie von WICHTIG!.odt” und “portscan.csv”. Hunderte von Dateien, die Unterverzeichnisse sehen genauso aus. Auch hier lege ich oft Dateisystemstrukturen an, um die Daten sinnvoll zu sortieren - scheitere dann aber an der monotonen Umsetzung. Einzig meine Musik- und Filmsammlungen sind halbwegs sortiert, aber es hat viel Zeit und Energie gekostet.
Hast Du eigentlich auch eine Kabelkiste? Was sind die ältesten Kabel oder Adapter, die darin herumliegen? Mein ältestes Kabel müsste ein nahezu 40 Jahre altes Centronics-Kabel für den Anschluss eines Nadeldruckers (den ich lange nicht mehr besitze) an einen C64 sein (von denen ich zwei, bzw. mit dem neuen Ultimate sogar drei besitze). Warum ich so etwas aufbewahre? Keine Ahnung. Das Argument “das könnte man ja nochmal brauchen” ist bei vielen der Uralt-Kabel nicht zu halten, denn weder betreibe ich eine Retro-Computing-Reparaturwerkstatt, noch besitze ich noch viele der zugehörigen Geräte. Nostalgie trifft es auch nicht, das könnte höchstens für besagte C64-Heimcomputer gelten, die ich durchaus ab und zu noch benutze. Aber die Kabel? Oder die bauchigen großen (aber leeren) Metflaschen im Regal? Hunderte an Büchern, die ich vermutlich nie wieder lesen werde? Instrumente und Technik, an denen ich mich versucht und festgestellt habe, dass ich dafür nicht gemacht bin? Ich vermute, dass an jedem dieser Gegenstände Erinnerungen hängen, die die Vergangenheit für mich “greifbar” machen. Würde ich sie weggeben oder gar wegwerfen, würde ich ein Stück meiner Vergangenheit wegwerfen - zumindest vom Gefühl her. Also schleppe ich seit fast 30 Jahren kartonweise Dinge aus meiner Kindheit mit mir herum, ohne das meiste davon jemals wieder aus dem Umzugskarton zu nehmen. “Könnte man doch noch mal brauchen, oder?”
Mitdenken und Overthinking
Manchmal wundern sich Menschen in meiner Umgebung, dass ich auf viele Dinge unerwartet (aus ihrer Sicht) gut vorbereitet bin. Ich habe Dinge dabei, die in einer für sie unerwartet auftretenden Situation hilfreich sind. Ich habe bereits im Vorfeld Dinge geklärt, von denen ich gar nicht wissen konnte, dass sie überhaupt relevant sein könnten. Ich habe nicht nur Plan B parat, sondern auch Plan B1, B2, C, D und E, falls alle anderen Pläne versagen. Bei gemeinsamen Arbeiten an Fehlerquellen baue ich manchmal präventiv Mechanismen ein, die andere Fehler, die erst durch die Fehlerbehebungsmaßnahmen selber auftreten, abfangen oder verhindern. Das ist weder Zufall noch Hellseherei, ich denke meist einfach gewohnheitsmäßig einige Schritte weiter. Ich bin lange davon ausgegangen, dass alle Menschen das tun, aber sonderlich verbreitet scheint dieses Hobby nicht zu sein.
Das Ganze wirkt sich auch auf Freundschaften und Beziehungen aus. Positiv wie negativ. Während manche Menschen es als Beweis der Zuneigung und Freundschaft sehen, wenn man ein wenig für sie mitdenkt und Sorge dafür trägt, dass nichts übersehen wird, empfinden andere das als grenzüberschreitend und Bevormundung. Ich kann beides verstehen, tue mich aber sehr schwer damit, das richtige Maß zu finden. Denn wenn mein Kopf einmal in Fahrt gerät, ist es schwer, den Denkfluss wieder einzufangen.
Die Kehrseite ist, dass ich manche Dinge zu weit, zu komplex, zu groß denke. Inzwischen habe ich das halbwegs im Griff, aber stell Dir vor, Du sollst einfach eine Möglichkeit schaffen, eine Datei von einem Server aus bereitzustellen, damit ein anderer Server sie einbinden kann. Statt ein verzeichnis über das Netzwerk freizugeben und eine Berechtigungskontrolle auf Systemebene zu aktivieren, installierst Du ein komplettes CMS mit Nutzer- und Dateiverwaltung, Versionierung und allen möglichen Erweiterungen, die das einfache Bereitstellen beliebiger Dateien auf allen möglichen Wegen ermöglichen. Over-Engineering at its finest. Oder stell Dir vor, Du möchtest ein Wochenende lang am Meer zum Abschalten zelten gehen und verbringst drei Tage damit, Listen zu schreiben, was man alles brauchen könnte und noch organisieren muss - obwohl die einfache Antwort wäre: Zelt, Luftmatratze, Isomatte, Häringe, Hammer, Verpflegung, Schlafsack, Taschenlampe. Overthinking, viel zu kompliziert denken.
Motivation, Druck und Arbeitsweise
Wie motiviert man einen Menschen mit ADHS? Man gibt ihm eine (aus seiner Sicht) interessante und sinnvolle Aufgabe, der Rest passiert von alleine. Demotivieren? Wiederholende, langweilige oder abseits der jeweiligen Interessen liegende Aufgaben. It’s so easy. Leider besteht die Welt zu großen Teilen aus repetetiven Aufgaben und Anforderungen, die sich für mich sehr häufig wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlen. Tägliche Zeiterfassung? Regelmäßige Status-Meetings? Jeden Morgen Spam-Mails aussortieren? Brrr… Es gibt kaum Dinge, die mich weniger motivieren. Und Motivation ist essenziell wichtig für mich, ohne geht nichts. Mich motivierten auch kein Lob, keine anfeuernde Rede oder die Aussicht auf irgendeine Form von belohnung, wenn dafür langweilige Tasks abgearbeitet werden. Sorry, not my kink. Gib mir etwas, das mein Gehirn beschäftigt, das spannend, aufregend oder neu ist. Herausforderungen. Alles andere sorgt nur für Unzufriedenheit, Stress und letztendlich lähmende Selbstzweifel.
Wenn Du mich auf Hochtouren sehen willst, wirfst Du mich in eine Krisensituation. In solchen Momenten werde ich ruhig und fokussiert, während mein Kopf auf Hochtouren läuft. Schnelle und dabei durchdachte und sinnvolle Entscheidungen sind gefragt? Count me in, ich arbeite nicht umsonst so gerne (und dem Hörensagen anch auch gut) im Incident Response-Umfeld. Auch bei der Freiwilligen Feuerwehr hatte ich viel Spaß, solange ich nicht in Grund-Schulungen sitzen musste, um mir erst erklären zu lassen, wie man ein Feuer am besten an- und dann wieder ausmacht. Sorry, bro, das wusste ich irgendwie schon vorher. Das Ganze funktioniert zugegebenermaßen aber auch nur so lange, bis ich keine Energie mehr habe. Meine Depressionen und vermutlich auch diverse Auswirkungen von ADHS (die möglicherweise überhaupt erst zu ersterer geführt haben) haben nach einiger Zeit dafür gesorgt, dass ich kaum noch auf Einsätze gefahren bin. Ausgebrannt, erschöpft, fertig. Sicherlich haben auch das ständige “auf gepackten Koffern sitzen” und die stressige Tätigkeit vor Ort ihren Teil beigetragen, alles zusammen war dann doch zu viel. Und ich bin gespannt, ob ich jemals wieder mit so viel Energie und Freude einen Kunden aus dem Schlamm ziehen werde.
Masking
Die meisten der hier angesprochenen inneren Konflikte und Probleme merkte man mir lange nicht an. Ich hatte schon als Kind gelernt, wie ich mich verhalten musste, um nicht permanent aufzufallen. Als junger Erwachsener schaffte ich es sogar, mich in Communities zu integrieren, Freundschaften und sogar Beziehungen zu führen und generell in dieser Welt nicht den Eindruck zu hinterlassen, ein komplettes Wrack zu sein. Ich habe gelernt, welche gesellschaftlichen (ungeschriebenen und unausgesprochenen) Regeln es gibt, ich kann sogar ein wenig zwischen den Zeilen lesen und kenne genug “geflügelte Worte”, um in Gesprächen den Eindruck zu erwecken, ein ganz normaler Mensch zu sein.
Das meiste davon? Masking, “so tun als ob”. Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu lernen, dass Menschen Dinge nicht wörtlich meinen. Mindestens genauso lange brauchte ich, um zu realisieren, dass Menschen es nicht verstehen, wenn ich Klartext rede. Die ganzen Zwischentöne der verbalen Kommunikation? Was andere während sie aufwachsen nebenbei lernen, ohne groß darüber nachzudenken, war für mich lange Zeit ein Buch mit sieben Siegeln - und einige der Siegel existieren heute noch. Aber die Maske sitzt ziemlich gut, teilweise so gut, dass ich Probleme habe, sie abzulegen, selbst wenn ich das möchte. Zugegeben, oft passiert das nicht und bis vor kurzem gab es maximal eine Handvoll Menschen, die mich halbwegs so erlebt haben, wie ich wirklich bin. Für einige war es zu viel, andere konnten damit umgehen. That’s life, Menschen kommen, Menschen gehen. Sagt die Maske.
Gefühle und Konflikte
Lass uns hier direkt an das Masking anschließen. Beziehungsweise auf das “Menschen kommen, Menschen gehen”. So what? Ich sag’s Dir, Menschen, die mich verlassen (seien es Freundinnen, Familienmitglieder oder Partnerinnen), brechen mir das Herz. Literally. Selbst Menschen, die gerade erst auf dem Weg sind, Freunde zu werden, tun extrem weh, wenn sie sich entscheiden, ihren Weg ohne mich weiter zu gehen. Das Gefühl, verlassen, alleine gelassen oder abgelehnt zu werden, sorgt für physische Schmerzen. Zum einen mag es daran liegen, dass ich als Kind und Jugendlicher kaum einen sehnlicheren Wusnch hatte als dazu zu gehören, Freunde zu haben wie alle anderen auch und nicht ausgegrenzt zu werden. Zum anderen ist meine Gefühlsregulation komplett dysfunktional. Dieser Moment, wo sich “normale” Menschen nach dem ersten kleinen Stich fragen, ob dieser Mensch wirklich so wichtig in ihrem Leben war und wirklich eine so große Rolle spielte, dass es sich lohnt, sich deswegen zu grämen? Jep, der fehlt bei mir. Der kommt auch nicht später. Und es ist nicht nur Trauer, die fast jedes Mal mit voller Wucht zuschlägt. Frust, Wut, Zuneigung, Freude, Verzweiflung, … alles eine Achterbahnfahrt, die heute zwar durch die Depressionen stark abgeflacht ist, dennoch schlagen die Gefühle durch. Es gibt kein “atme erst einmal tief durch und warte bis der Puls sich beruhigt hat”. Gefühle triggern sofort und ohne Verzögerung, was gerade bei Enttäuschung oder Wut eine echte Herausforderung für beide Seiten sein kann.
Unter anderem aus diesem Grund bin ich extrem konfliktavers. Am liebsten hätte ich nie Streit, müsste mich nie aufregen und alles durch eine rosa Brille sehen. Ich mag Harmonie und positive Gedanken und Handlungen, freue mich, wenn man bei gegenteiligen Sichtweisen Kompromisse findet, mit denen alle zufrieden sind und ich liebe es, glückliche Menschen um mich zu haben. Well, und jetzt zurück aus dem Wunderland in die Realität, bitte. Die heutige Welt ist nicht heil, nicht schön, nicht konfliktfrei und Menschen neigen dazu, einfach nur ihr Ding durchsetzen zu wollen. Und mich stresst das. Permanent. Ignorieren kann ich all das nicht wirklich, dafür fehlen mir die mentalen Filter. Und unter diesem Dauerfeuer von außen die Maske des entspannten Mittvierzigers aufrecht zu erhalten, den so schnell nichts aus der Bahn wirft, gelingt mir immer weniger. Und ich vermute, das ist in den letzten Jahren auch den meisten Menschen, mit denen ich regelmäßig Kontakt habe, aufgefallen.
Empathie
Die vorigen Ausführungen zu Emotionen klingen nach krass starken Gefühlen, nicht wahr. Well, bis auf Wut und Enttäuschung kommen die meisten meiner eigenen Gefühle verhältnismäßig schwach daher. Tatsächlich tue ich mich sehr schwer damit, diese überhaupt wahrzunehmen und zu benennen. Die meisten erkenne ich an den körperlichen Reaktionen, die sie auslösen. Das Gesicht glüht und der Puls geht hoch? Wut. Je nach Kontext vielleicht auch Scham. Kalte, feuchte Hände? Angst oder Schwimmbadbesuch. Tränen? Möglicherweise Trauer, oder lache ich gerade gleichzeitig? Dann vielleicht Freude oder Verzweiflung. Schwierig. Also ja. Schwierig, ganz generell. Früher war es nicht ganz so schwer mit dem Zugriff auf die Gefühle, vermutlich hat auch hier die Depression vieles vergraben.
Was aber fast immer ankommt und auch sehr gut fühlbar (und sogar benennbar) ist: Fremde Gefühle. Wenn jemand vor mir weint habe ich auch Tränen in den Augen und fühle Trauer. Wenn jemand unvermittelt in Gelächter ausbricht muss ich mich beherrschen, nicht reflexartig mitzulachen, aber ich bin dann glücklich. Emotionen anderer wahrzunehmen ist eine Sache, sie selber zu spiegeln eine andere. Das kennen vermutlich die meisten Menschen, aber dass die fremden Gefühle fast generell die eigenen überlagern und klarer wahrzunehmen sind? Das können sich vermutlich die wenigsten vorstellen. Aber irgendwie hat es auch sein Gutes: Ich habe ein intrinsisches Bedürfnis daran, Menschen um mich herum eine Freude zu machen.
Bedürfnisse und Selbstfürsorge
Meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und dem auch nachzukommen ist auch so eine schwierige Sache. Ich rede jetzt nicht davon, dass ich im Hyperfokus vergesse, zu essen, zu trinken, zu schlafen oder auf die Toilette zu gehen. Geschenkt, so viel hast Du Dir vermutlich schon denken können. Irgendwann ist die Fokusphase vorbei und ich hole das nach, kein Problem. Strange für außenstehende Personen, für mich aber relativ normal und nicht weiter bedenklich, so funktioniert das halt.
Es gibt aber noch so viele andere Bedürfnisse, die sich nicht unbedingt durch einen knurrenden Magen oder Druck auf der Blase manifestieren. Und die sind ähnlich unsichtbar wie Gefühle für mich. Das Bedürfnis nach Nähe. Nach Erholung. Nach Alleinesein. Nach Meer. Nach einer neuen Frisur oder einer aufgeräumten Wohnung. Nach Freunden, Familie und einfach mal abschalten. Das ist alles sehr abstrakt für mich und ich fühle das selten direkt. Ein Kinobesuch mit Freunden hört sich für mich im ersten Moment eher wie Zeitverschwendung an. Filme kann ich auch zu Hause nebenbei schauen, während ich an einem Projekt arbeite. Lecker essen gehen mit ein paar Kollegen? Nee, ist zu laut, geht mal alleine, ich schreib in der Zwischenzeit am Bericht. Urlaub bei der Familie? Da gammle ich dann auch nur rum, nur dass ich mich um noch weniger Kram kümmern muss als sonst. Der erste Impuls ist immer: Abwägen, abwerten, in Relation mit “ich mach einfach weiter” setzen. Dass mir Aktivitäten mit lieben Menschen dabei helfen können, Stress abzubauen, soziale Bindungen zu festigen oder einfach mal wieder Spaß mit Freunden zu haben kommt mir erst einmal nicht in den Sinn. Zumindest so lange nicht, bis mich dann doch jemand überzeugt oder einfach über die Schulter legt und mitschleppt. Und meistens haben wir dann eine tolle Zeit, die mich zwar viel Kraft kostet und danach Erholung erfordert, dennoch tut es gut. Aber warum ist es so schwierig, das von Anfang an als Möglichkeit in betracht zu ziehen? Ich weiß es nicht.
Und es geht nicht einmal nur um Aktivitäten mit anderen Menschen. Ich könnte mir einfach mal was leckeres kochen (kostet aber viel Zeit und ich muss Dinge vorbereiten und danach abspülen, die TK-Pizza tut’s doch auch), mich abends mit einem Buch ins Bett legen (aber dann brennen irgendwann die Augen, außerdem muss ich mich dann auf die Story konzentrieren und außerdem könnte ich ja auch stattdessen Dokus auf mich einrieseln lassen, während ich irgendwas produktives mache) oder einfach mal spazieren gehen (zu nass, zu kalt, zu weit weg, Fuß tut weh, ist doch Zeitverschwendung). Ideen und gelegenheiten gäbe es viele, aber die Stimme, die an die niedrigen Energielevel und den mit der Aktion verbundenen Aufwand erinnert, ist lauter als der Impuls, es einfach mal zu tun. Es fühlt sich ähnlich wie die Lähmung an, die bei manchen beruflichen Tätigkeiten auftritt.
Schuldgefühle und Selbsthass
Kommen wir zum Endgegner. Denn was ist schon mein Wert als Angestellter und auch als Mensch, wenn ich kaum noch etwas gebacken bekomme? All die Menschen um mich herum schaffen das auch, nur ich struggle hier mit den most basic tasks. Andere müssen meine Aufgaben mit erledigen, meine Freunde sehen mich kaum und ich enttäusche jegliches in mich gesetzte Vertrauen. Eigentlich könnte ich auch alles hinschmeißen, würde a) kaum jemandem auffallen und b) wäre ich dann keine belastung für irgendwen. Udn wenn sie mir dann irgendwann die Sozialleistungen kürzen, mit denen ich mich eine kurze Zeit irgendwie über Wasser halten kann, dann lande ich halt auf der Straße und die angeschlagene Gesundheit erledigt den Rest.
Klingt negativ, isses aber auch. Das Gefühl, permanent Menschen um mich herum zu enttäuschen und weder deren, noch meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, ist ein permanenter Begleiter. Seit vielen Jahren. Seit die Depressionen mich im Griff haben, mindestens. Vielleicht auch schon länger. Mal sind die Stimmen lauter, mal leiser, aber immer mindestens als Hintergrundrauschen vorhanden. Und der Selbsthass ernährt sich von solchen Gedanken. An manchen Tagen ist es leichter, das ein wenig abzuschütteln: Wenn ein Projekt erfolgreich verlief. Wenn man etwas cooles auf die Beine gestellt hat. Nach einem schönen Abend mit Freunden oder der Familie. Aber nach kurzer Zeit sind die zweifel wieder da. Die unterschwllige Überzeugung, dass die Freude darüber, dass sie mich mal wieder gesehen haben, eher fake war. Dass sie froh sind, mich jetzt wieder eine Weile nicht sehen zu müssen. Dass der Weg zum nächsten erfolgreichen Projekt wieder zu 90% aus Minderleistung und Fehlschlägen meinerseits besteht und nur durch Mehrleistung der anderen erfolgreich zu Ende gehen wird. Weil man Kollegen halt mitschleppt, ist halt so, auf viele aufgeteilt ist das schon machbar. Und das schlechte Gewissen bleibt.
Gerechtigkeits- und Moralsinn
Kollege A erzählt, er habe das Projekt fast im Alleingang erledigt, dabei hat Praktikantin B quasi die gesamte Arbeit gemacht und er hat es hinterher nur überflogen und ein paar Details ergänzt? Eine Freundin verdient bei gleichen Aufgaben und teils höherer Arbeitsleistung nur die Hälfte von mir? Im Freundeskreis werden Lügen über eine außenstehende Person verbreitet, um sie auszugrenzen? Menschen werden aufgrund von Herkunft oder Religion pauschal verurteilt? Wow. Könnte ich explodieren. Es gibt so viel Ungerechtigkeit auf dieser Welt, und die im eigenen Umfeld sind besonders schlimm. So etwas frisst mich innerlich auf, denn in vielen Fällen kann ich nur wenig tun, um moralisch fragwürdige Verhaltensweisen und Ungerechtigkeit zu verhindern. Selbst vermeintliche Kleinigkeiten bringen mich manchmal zur Weißglut, aber ich muss es in mich reinfressen. Warum? Weil ich oft nicht in der Position bin, etwas direkt zu ändern. Weil ich konfliktavers bin. Weil ich keine Freunde verlieren will, weil ich zu stark Klartext rede. Bitte nicht falsch verstehen, ich stehe für meine Überzeugungen ein und tue was in meiner Macht steht, um Menschen zu helfen, die unfair behandelt werden. Trotzdem sind mir Grenzen gesetzt, gegen die ich meist nicht ankomme. Oft kondensiert sich diese Grenze als Angst heraus, was es nur noch schlimmer macht. Ohnmacht und Ohnmacht aus Angst, und die entsprechenden Situationen, in denen ich nichts tun konnte verfolgen mich in Gedanken teils noch jahrelang, Tag für Tag.
Routinen, Wiederholungen und Automatismen
Gerade Menschen, die mit ADHS noch nicht sonderlich viel Erfahrung haben (und ich erwarte ein entsprechendes Wissen auch von niemandem), möchten ja oft in bester Absicht helfen. Mit guten Ratschlägen zum Beispiel. So eine feste Routine am Morgen, die habe ja bei einem selbst sehr geholfen. Lichtwecker, direkt zügig aufstehen, 10 Minuten Liegestütze, dann einen Tee aufsetzen und derweil kalt duschen gehen, Du wirst sehen, das wirkt Wunder!
Well… yes. No. Routinen sind tatsächlich etwas, das mir sehr schwer fällt. Eigentlich sollte ich schreiben “das mir unmöglich ist”, aber das stimmt so nicht ganz. Routinen sind Wiederholungen. Feste Vorgaben, wie man etwas macht. Am besten zu einem bestimmten Zeitpunkt, damit sich Körper und Gehirn daran gewöhnen, damit wird es erst zur Routine. Und das Prinzip ist auch großartig, viele Menschen leben fast ihren ganzen Tag in Routinen und haben dabei den Kopf frei, weil das alles nach einiger Zeit wie automatisch passiert. Aber genau das passiert bei mir (und vielen ADHS-Menschen) nicht. Die ersten Tage sind vielleicht noch machbar. Das Ganze ist neu, ich bin gespannt, ob es wirkt. Und mit jedem Tag wird das Ganze mehr zur… Routine. Allerdings anders als bei den meisten normalen Menschen. Es geht nicht “in Fleisch und Blut” über. Es verliert einfach nur den Glanz des Neuen, die Spannung wird zu Enttäuschung, dann zu Langeweile. Unser Gehirn funktioniert anders, Motivation kommt nur von neuem Input, nicht von bekannten Mustern.
Einige Routinen funktionieren bei mir, zum Beispiel lerne ich jeden Abend eine halbe Stunde bis Stunde Japanisch. Nein, nicht mit Textbuch oder in einem Kurs, das würde ich keine zwei Wochen durchhalten. Aber mit einer App, die an einigen Stellen auf Challenges und Wettbewerb mit anderen Lernenden setzt, klappt es halbwegs. Ich muss mich trotzdem auch nach drei Monaten immer noch jeden Abend dazu zwingen, meine Übungen zu machen. Aber der Anreiz, wieder unter den TOP3 meiner Liga aufzutauchen, mir mit meiner Schwester ein Punkte-Wettrennen zu liefern oder meine Ex-Freundin zu motivieren, gemeinsam Freundschaftsmissionen zu absolvieren? Jep, zumindest für einige Zeit ist das genug Stimulation für das Gehirn, um dran zu bleiben, wenn auch widerwillig. Immerhin soll es mir in einigen Jahren ermöglichen, mich in Japan im Urlaub zurechtzufinden. Es hilft auch nicht gerade, die (positiv) manipulativen Pattern in der App als solche zu erkennen.
Sobald aber eine Routine, die dann doch einmal funktioniert, in Zwang ausartet, ist es wieder vorbei. Sobald ich das Gefühl habe, dass von mir erwartet wird, etwas zu tun und ich selber keinen unmittelbaren Mehrwert für mich selbst sehe, kommt die Routine in die Rundablage zu den anderen fehlgeschlagenen Experimenten. Schwimmen, um fit zu bleiben/werden? Joggen zum selben Zweck? Vergiss es direkt, been there, failed that. Big time.
Blick von außen und Selbsteinschätzung
Mein Selbstbild ist, wie man sich vielleicht denken kann, ziemlich kaputt. Selbstzweifel kicken quasi permanent, aber wie wäre es denn mal mit einem realistischen Blick von außen? Wie wirke ich denn so, Maske hin oder her? Tja, gute Frage. Die musst Du anderen stellen, ich selber bin nicht in der Lage, das einzuschätzen. Dazu müsste ich die Reaktionen anderer auf mich richtig erfassen und deuten können. Und auch wenn ich halbwegs gelernt habe, Mimik, Gestik und verschiedene Zwischentöne der Sprache zu deuten und sogar Emotionen ziemlich gut zu erfassen (vorsichtig ausgedrückt), fehlt mir die Fähigkeit, einzuschätzen, wie Menschen auf mich reagieren, wie sie mich wahrnehmen. Ist Person A mir gegenüber wohlwollend, freundlich, vertrauensvoll? Tuschelt Person B hinter meinem Rücken, hält mich aus gemeinsamen Projekten raus, ist nur gespielt freundlich? In diesen Punkten fehlt mir auf einer gewissen Ebene das Vertrauen in andere Menschen. Ich habe gelernt, dass viele Menschen ein falsches Spiel spielen, dass sie manipulativ sind und so lange freundlich sind, wie sie etwas von einem wollen. Und ganz ehrlich - dass ich selber permanent meine Masken zur Schau stelle und nur sehr selten ohne Filter kommuniziere, bestätigt meine Einschätzung. Zumindest in meinem Kopf.
Vermutlich tue ich damit einer Menge Menschen Unrecht. Es liegt mir auch fern, meinen Freunden, Bekannten und Kollegen etwas Böses zu unterstellen. Ich möchte daran glauben, dass sie mich auf ganzem Herzen umarmen und mich positiv wahrnehmen. Das sie die Wahrheit sagen, wenn ich sie um ehrliches und ungeschöntes Feedback zu mir bitte. Und trotzdem ist immer der Zweifel da. Die Unterstellung, dass sie mir negative Dinge, die ihnen auffallen, nicht sagen würden, um mich nicht noch tiefer in meine emotionale Teergrube zu stoßen. Um mich zu schützen, nicht um zu verletzen. Und dennoch an der Wahrheit vorbei.
Ich wünschte, ich hätte mehr Vertrauen. Eine bessere Selbstwahrnehmung und vor allem mehr Selbstvertrauen. Vielleicht ist es ein guter erster Schritt, all das hier aufzuschreiben, wer weiß, was daraus einmal wird?
Veränderungen
Ich habe immer gerne so etwas gesagt wie “Wer still steht ist quasi tot, Leben ist Veränderung”. Dabei komme ich selber am wenigsten mit Veränderungen klar. Umzüge? Hölle. Arbeitgeberwechsel? Stress pur. Bequeme Gewohnheiten ändern? Mit größtem Widerstand (und meist mit einer zurückziehenden Sprungfeder). Veränderungen stressen mich mehr als ich lange Zeit wahrhaben wollte. Ich muss mich umgewöhnen, neue Leute und Umgebungen kennenlernen, mich an neue Arbeitsweisen, neue Wege, neue Regeln gewöhnen. Alles Dinge, die mir Halt gegeben haben und jetzt neu gewürfelt werden. Dinge, die ich als Konstanten wahrnehme, die auf einmal Variablen sind. Und es fühlt sich an, wie im freien Fall zu sein. Ich glaube, Panik trifft es ganz gut, wenn ich an zukünftige Veränderungen denke.
Früher war das alles zwar auch schwer, aber nicht so lähmend. Heute plane ich einen Umzug, irgendwann in einem halben Jahr oder so. Das sage ich jetzt auch schon seit fast einem halben Jahr. Ich habe Umzuzgskartons gekauft, die stehen hier noch verpackt in der Wohnung. Ich wollte Kram ausmisten, verschenken, wegwerfen, um nicht so viele Altlasten mitzunehmen. Noch ist alles da. Schon mal DInge einpacken, die ich bis Jahresende sicher nicht mehr brauche. Sie stapeln sich noch. Und ich nehme mir jedes Wochenende vor: “Tschakka, jetzt aber, das wird sicher spaßig, durch den alten Kram zu wühlen und ein paar tolle Erinnerungen in neue Kartons zu packen”. Und jeden Sonntagabend sitze ich wieder vor dem Chaos und frage mich, wie ich mich schon wieder selber davon abgehalten habe, das zu tun, was ich tun will.
Schlafen und Frontalbeschallung
“Kommen wir zu Folie 3… Herr Schmidt, schnarchen Sie?” - So ist das zum Glück nie passiert, aber dass ich bei irgendwelchen Schulungen und Vorträgen (als Teilnehmer, nicht als Vortragender) schon nach fünf Minuten auf meinen verschränkten Armen lag und von einem Kollegen mittels sanftem Tritt vors Schienbein geweckt wurde, kann ich nicht leugnen. Offenbar schaltet mein Gehirn bei dieser Art von Wissensvermittlung spontan in den Energiesparmodus, teilweise sogar bei Themen, die mich interessieren. Aber minuten- und stundenlang nach vorne starren, während eine Folie nach der anderen gezeigt wird (von mir aus auch ohne Folie, dann schlafe ich umso schneller ein), geht nicht. Ich habe bisher nicht herausfinden können, was das auslöst und auch größere Mengen präventiv verabreichter Kaffee helfen nicht wirklich. Die ADHS-Medikamente verzögern das Einschlafen ebenfalls nur, während beispielsweise Videokonferenzen oder Vorträge auf Congressen o.Ä. in der Regel weniger ein Problem sind.
Ein witziger Effekt wäre, dass ich dadurch auch unglaublich schnell und überall einschlafen kann. Weit gefehlt, leider. Ich kann zwar auf Bahnfahrten ganz gut in einen Schlummerzustand fallen, aber in den beschriebenen Schlafzustand komme ich nicht willentlich. Und abends, nach einem langen Arbeitstag? Wo denkst Du hin? Da dreht das Gehirn dann erst einmal richtig auf, yay, endlich “me-time”, Zeit abseits der langweiligen (oder herausfordernden, das ist ziemlich egal) Arbeit abzugehen. Da geht dann das (bildlose) Kopfkino los, Pläne werden geschmiedet, oh, und dann war da noch diese saucoole Serie, die man bingewatchen muss - bis dann irgendwann um zwei Uhr nachts oder so die Erschöpfung die Gedanken hart abschaltet. Das ist kein Schlaf, der einsetzt, das ist der Not-Aus-Schalter. Irgendwann geht das dann zwar auch in echten Schlaf über, aber viel Zeit ist dafür dann nicht übrig, wenn um sieben oder acht der Wecker klingelt. Als ich diese Zeile schrieb war es übrigens gegen 3 Uhr in der Nacht auf Samstag…
Hobbies, Interessen und Wissensdurst
Ich habe erst vor relativ kurzer Zeit realisiert, dass “normale” Menschen üblicherweise so zwischen einem bis drei Hobbies haben. Tendenz eher gegen eins. Ich verstehe jetzt die überraschte Reaktion, wenn ich nach zwei bis drei Minuten des Aufzählens meiner Hobbies (genauer: der Themengebiete, um es übersichtlich zu halten) kurz überlegen muss, ob ich die wichtigen alle zusammen habe. Es ist offenbar NICHT normal, viele Hobbies gleichzeitig zu haben. Oder teilweise im Tagestakt zwischen ihnen hin und her zu wecheln.
Ich hingegen könnte mir gar nicht vorstellen, über längere Zeit nur eine oder zwei Sachen zu machen. “Ah, Du spielst Tennis, und was machst Du noch so? Wie, nichts, das ist Dein einziges Hobby? Wird das nicht langweilig?” - so oder so ähnlich haben oft meine Reaktionen ausgesehen, woraufhin ich stillschweigend davon ausging, dass die anderen Hobbies evtl. einfach zu persönlich oder in den Augen meines Gegenübers zu abwegig waren, um sie mir zu offenbaren. Wirklich nur Tennis zu spielen, nur zu lesen, nur tanzen zu gehen, nur Spiele zu spiele oder zu stricken… ich konnte und kann mir nicht vorstellen, wie das sein muss. Also, ich kann mir vorstellen, wie langweilig das für mich wäre und wie schnell ich ein zweites, drittes, zehntes Hobby hätte. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein muss, so zu funktionieren, dass ein Hobby reichen würde.
Die meisten meiner Hobbys haben auf irgendeine Art mit Lernen und Kreativität zu tun. Alleine die diversen Aktivitäten mit IT und Technik erfordern quasi permanentes Lernen, um die Ideen, die ich in diesen Bereichen umsetzen möchte, häufig durch mein fehlendes oder unzureichendes Verständnis einzelner notwendiger Aspekte beschränkt sind. Also lerne ich, wie ich sie umsetzen kann. Ich lerne, wie ich mit Lasern, CNC-Maschinen und 3D-Druckern Dinge herstellen kann, lerne physikalische, chemische und biologische Grundlagen, wie man sauber lötet, Holz bearbeitet, kocht, wie man in der Natur überlebt, büffele Sprachen, die mich interessieren, lausche in den Äther oder schaue tief in die Weiten des Alls. Man könnte, wenn man meine Hobbies auf einen Aspekt eindampfen müsste, auf “Wissen” kommen. Mein Hobby ist das Lernen, allerdings auf meine eigene, sehr praxisbezogene Art.
Freundschaften, Beziehungen, Sex und Ghosting
Weiter oben hatte ich Schuldgefühle und Selbsthass als den Endgegner bezeichnet. Turns out: Es gibt mehrere Endgegner. Freundschaften, bzw. genauer: Das Aufrechterhalten von Freundschaften zum Beispiel. Was für Gegenstände zutrifft, die ich vergesse, wenn ich sie aus den Augen verliere, trifft für Freunde genauso zu. Zugegeben, die verstaue ich in der Regel nicht in Schubladen, Kartons oder Schränken (proof needed), aber sobald ich Menschen nicht mehr regelmäßig durch Schule, Arbeit oder gemeinsame Aktivitäten sehe, fällt es mir unglaublich schwer, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Man sollte meinen, dass beispielsweise moderne Messenger, wo die Kontaktliste immer präsent ist, das abmildern, aber leider funktioniert das so nicht. Ich sehe die Leute in meinen Listen. Aber ich schreibe sie nicht oder nur sehr selten an. Meistens habe ich Angst davor, mich zu melden. Weil ich mich so lange nicht gemeldet habe. Oder weil ich mich gefühlt zu oft melde und niemandem auf die Nerven gehen will. Oder weil ich mich dann auf ein Gespräch konzentrieren müsste, aber eigentlich gerade gar keine mentale Kapazität dafür habe (Spoiler: Habe ich gefühlt nie). Also selbst wenn ich an meine Freunde denke, wenn ich sie vermisse, hilft das nicht wirklich, den Kontakt zu halten. In den meisten Fällen sind sie aber einfach unsichtbar, bis man sich wieder über den Weg rennt. Und je nach Gegenüber kann sich das dann anfühlen, als hätte man sich gerade gestern erst gesehen, oder als stünde man vor komplett Fremden.
In Beziehungen ist das Ganze noch ein wenig anders gelagert. Meistens sieht man sich öfter, im Zweifel sorgt die Partnerperson auch dafür, dass man regelmäßig etwas zusammen unternimmt, man zieht gar zusammen, oder, oder, oder. Das “aus den Augen verlieren” passiert eher nicht, dafür aber etwas anderes, das gefühlt (zumindest für Partner) ein mindestens genauso großes Problem darstellt: Gewöhnung. Also, für die meisten Personen ist es positiv, wenn man sich aneinander gewöhnt und einen gemeinsamen Rhythmus findet. Für mich fühlt sich Gewöhnung allerdings nach Vorhersagbarkeit an. Wenn ich das Gefühl habe, meine Partner*innen in- und auswendig zu kennen, fehlt meinem Gehirn das Neue, das Spannende, kurz: Der Reiz, der das Interesse aufrecht erhält. Und auch wenn ich weiterhin Gefühle zu dieser Person habe und mich zu ihr hingezogen fühle, fühlt sich der Alltag zunehmend langweilig an. Und letztendlich führte das bisher meistens dazu, dass die Beziehung dann nicht lange standhielt. Denn für von meinen daraus entstehenden Verhaltensweisen (ich widme mich dann vermehrt anderen spannenden Dingen, der Fokus driftet also mit der Zeit weg von gemeinsamen Unternehmungen udn Interessen hin zu meinen alten udn neuen Hobbies) betroffenen Personen fühlt sich das wie Abweisung, Desinteresse oder eine Abwertung der Beziehung ansich an, auch wenn die Realität meist komplett anders aussieht.
Mal weiter in diese Richtung gedacht, gilt dasselbe auch für Sex. Auch da stehe ich oft ziemlich zwischen den Stühlen. Ich bin kein Mensch, der im Bett irgendwas Exotisches braucht. Ich kuschle gerne, “Blümchensex” ist vollkommen okay. Auf der anderen Seite bin ich, wenn beide Seiten was gemeinsam ausprobieren wollen, auch für fast alles offen - solange es sich nicht für eine Partei blöd oder wie ein schlechter Kompromiss anfühlt. Aber in der Regel habe ich keine Vorstellung davon, was man denn mal anderes machen könnte oder sollte. Damit bleibe ich oft bei dem, was funktioniert, kaum Veränderungen. Und - Du ahnst es - das wird nach einer Weile dann auch wieder “langweilig”, liefert keinen neuen Input, das Hirn orientiert sich hin zu Dingen, die mehr Input geben, das Sexleben schläft ein. Und auch, wenn die Lösung, dann mehr Abwechslung reinzubringen udn DInge auszuprobieren bzw. anzusprechen, einfach erscheint, scheitert es an meinen eigenen Blockaden, Ängsten und fehlendem Mut.
Unter Ghosting versteht man, wenn eine Person plötzlich den Kontakt komplett und ohne Warnung oder Erklärung abbricht. Und lange, nicht-kommunikative Phasen meinerseits fühlen sich für andere manchmal vermutlich genau danach an. Üblicherweise reagiere ich auf Nachrichten sofort oder wenigstens noch am selben Tag. In Situationen, wo ich keine Energie mehr habe, um mich mit anderen Menschen zu beschäftigen, kann sich die Reaktionsgeschwindigkeit aber auf Tage oder Wochen ausdehnen. Und je länger es dauert, desto eher hält mich das schlechte Gewissen und die fehlende Erklärung dafür davon ab, mich zurückzumelden. Nach einiger Zeit schaffe ich es meist wieder, aber in der Zwischenzeit fühlt sich das für andere schlimm an. Dabei kenne ich es selber gut genug und mache mir ab dem zweiten Tag ohne Antwort schon Sorgen, etwas falsches gesagt oder gemacht zu haben. Hier verhindert dann mein Bedürfnis, anderen nicht auf die Nerven zu gehen, dass ich nachfrage und so zieht sich so eine Situation auch mal länger hin. Generell ghoste ich nicht. Wenn ich den Kontakt zu jemandem abbreche, erkläre ich das vorher ausführlich. Wenn sich also jemand von mir geghostet fühlt: Sprecht mich drauf an, fragt nach. Manchmal traue ich mich einfach nicht, mich nach längeren Pausen direkt wieder zu melden.
Ängste und Aversionen
Ängste, perfektes Stichwort. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wie sehr ich von Ängsten beeinflusst und gesteuert werde. Angst vor Veränderungen zum Beispiel, denn was ich kenne und woran ich mich gewöhnt habe, kann ich einschätzen. Sobald ich etwas ändert: Unsicherheit, Angst, mich in der neuen Situation oder Umgebung falsch zu verhalten. Angst vor sozialen Situationen, denn von Kindheit an bin ich überall angeeckt und habe Jahrzehnte gebraucht, um für mich Verhaltensmuster zu finden, die als “sozialkompatibel” durchgehen und mir den Umgang innerhalb sozialer Gruppen ermöglichen. Trotzdem reagieren Menschen unterschiedlich und ein neuer Bekannten- oder Freundeskreis oder eine neue Anstellung in einer anderen Firma erfordert wieder sehr viel Zeit und Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, wie die Leute ticken. Die Angst, Leute vor den Kopf zu stoßen und ausgegrenzt zu werden, ist groß. Oder auch Versagensängste, gerade bei Dingen, wo ich glaube, deutlich schlechter als andere zu sein (Imposter Syndrom). Ich vergleiche mich permanent mit anderen Menschen in meiner Umgebung und meine Wahrnehmung ist, dass die meisten Leute in nahezu allen Dingen besser sind als ich - selbst bei Themen, wo ich eigentlich weiß, dass ich viel Wissen und Können habe. Die Zweifel sind trotzdem immer da und die Angst, als “Blender” entlarvt zu werden, ist ein permanenter Begleiter. Auch vor Risiken habe ich Angst, ich gehe meist den sicheren Weg, der aber meist länger dauert und mehr Durchhaltevermögen erfordert. Einfach, weil da das Risiko kleiner ist, dass etwas unerwartetes passiert und mir meine festgelegten Strukturen zerschießt.
Aversionen, also Abneigungen, sind zum Glück nicht ganz so stark, erzeugen meist nur ein ungutes Gefühl, aber keine direkte Angst. Die meisten, derer ich mir bewusst bin, basieren hauptsächlich auf negativen Erlebnissen in der Vergangenheit, die sich in den Gedanken eingegraben haben. Dinge, die einmal unangenehm waren und von denen ich intuitiv annehme, dass sie auch weiterhin unangenehm sein werden. Selbst dann, wenn die Erfahrung das Gegenteil zeigt. Ich würde erwarten, dass es normalerweise so ist, dass man negative Erfahrungen irgendwann mit gegnteiligen positiven Erfahrungen “überschreiben” kann, dass sich solche (gefühlt) nicht so tief eingebrannten Erlebnisse relativieren lassen. Mich würde da auch einmal die Erlebenswelt eines neurotypischen Menschen interessieren, denn ich weiß nicht, ob diese Erlebensweise nicht vielleicht doch ganz normal ist. Denk an so etwas wie “als Kind habe ich Rosenkohl gehasst, heute mag ich ihn total gerne”, wobei natürlich die Leute rausfallen, die mit bitteren Nahrungsmitteln generell nichts anfangen können; looking at you, Schwesterherz. ;)
Psychopharmaka, Stimulanzien und Süchte
Auch wenn ich Risiken gerne aus dem Weg gehe und damit lange auch nicht vom Arzt verschriebene psychisch aktive Substanzen gemieden habe (bis auf wenige Ausnahmen wie Alkohol, Nikotin und ab Anfang 20 THC), bin ich in den letzten Jahren neugierig geworden. Meine Erfahrungen mit Antidepressiva waren ernüchternd, da die Primärwirkung auch nach Monaten nicht eintrat, dafür aber die Nebenwirkungen bei einigen als “gut verträglich” geltenden Medikamenten bis in lebensbedrohende Bereiche gingen. Offensichtlich reagierte mein Gehirn auf bestimmte Stoffe nicht so, wie es erwartet wurde. Nun werde ich hier kein bereits an anderer Stelle angesprochenes Fass (Serotonin-Hypothese) aufmachen, aber die Schlüsse, die ich aus meinem Erleben zog, machten mich neugierig. Damals war noch die Depression die einzige Diagnose, ADHS hatte (mich eingeschlossen) noch niemand auf dem Schirm. Aber ich wollte wissen, warum bzw. ob mein Kopf auf manche Dinge so komisch reagiert.
Was ich allerdings wusste: Suchtgefahr ist nichts, was mich sonderlich beunruhigen sollte. Zumindest nichts, was primär psychische Abhängigkeit bewirkte. Ich habe als junger Erwachsener lange Zeit regelmäßig massiv viel Alkohol getrunken. Vertrage habe ich ihn nie, aber die Enthemmung war mir im Kontakt mit Menschen wichtiger als danach nicht zwei Tage mit einem Kater flachzuliegen. Ich habe viel und regelmäßig geraucht, jahrelang auch mehrmals täglich gekifft. Bei den meisten Menschen hätte das vermutlich eine jeweils ausgeprägte Sucht ausgelöst. Aber bei mir? Mit dem Trinken habe ich mehr oder weniger übergangslos aufgehört, ohne Entzugserscheinungen oder das Bedürfnis, wieder anzufangen. Wenn ich heute überhaupt etwas trinke, dann vielleicht ein Glas Met, einen Gin Tonic oder einen leckeren Cocktail. Wie oft? Well, zwei oder dreimal im Jahr, wenn es hoch kommt. Kiffen? Seit der Teillegalisierung habe ich zugegebenermaßen wieder Gras im Haus, habe die letzten Monate der Therapie nach den Sitzungen auf dem Heimweg eine leicht angereicherte Zigarette geraucht, aber seit die Therapie nun durch ist, habe ich nichts mehr angerührt. Auch da, mit dem Ende der Situation, die mich zum THC-Konsum motiviert hat, war es vorbei und ich habe von einem Tag auf den anderen aufgehört. Und generell Nikotin ist auch eher ein Mittel, um kurzfristig Stress loszuwerden. An manchen Tagen rauche ich derzeit 10-15 Zigaretten, an den meisten Arbeitstagen sind es 2-5, an den Wochenenden oder im Urlaub gar nicht. Sobald der Stress weg ist, brauche ich kein Nikotin mehr, und auch der Begriff “brauchen” ist eigentlich zu hoch begriffen. Es ist jedes Mal eine bewusste Entscheidung, kein Drang, dem ich nachgehe. Und vor allem auch hier: Keine Entzugserscheinungen.
Und so experimentierte ich in den letzten Jahren auch mit Substanzen, bei denen ich wusste, dass es keine starken körperlichen Abhängigkeitserscheinungen geben würde. Vor allem nicht durch einmaliges Ausprobieren. Und mir wurde spätestens nach dem Erstkontakt mit Kokain klar: Irgendwie ist mein Gehirn wirklich anders. Denn während der beteiligte (und erfahrende) Freundes- und Bekanntenkreis ziemlich deutlich die Wirkung spürte, merkte ich genau gar nichts. Keine Veränderung, keine Euphorie, keine klareren Gedanken - nichts. Stattdessen ging ich nach dem dritten Versuch dieses Abends leicht frustriert nach Hause und legte mich schlafen. Das Ziel war (wie bei allem anderen) nicht, auf dem Kram hängen zu bleiben - ich wollte verstehen, was es mit einem macht, wie das Gehirn und der Körper reagieren. Und ich merkte: Das passiert bei mir nicht. Und als ich schließlich wegen der ADHS-Diagnostik genau diese Erfahrungen beim Psychiater ansprach, lächelte er nur und gab mir zu verstehen, dass das wohl bei Neurodiversen gar nicht so selten sei.
Auch die ADHS-Medikamente wirken bei mir nicht so, wie bei vielen anderen. Gerade Methylphenidat (MPH, auch bekannt unter den Handelsnamen Ritalin oder Medikinet) erfreut sich bei Studenten großer Beliebtheit, da es in Lernphasen ein konzentriertes Arbeiten ermöglicht, oft nächtelang. Die Beurteilung darüber, was so ein Raubbau am eigenen Körper für Auswirkungen haben kann, überlasse ich Dir als geneigtem Leser. Doch wenn ich mit Menschen spreche, die auf versteckten Wegen an MPH (oder auch Kokain o.Ä.) gekommen sind und mir die Wirkung beschreiben lasse, staune ich nicht schlecht. Von beschleunigten Gedanken wird berichtet. Klarheit, eine Art mentaler Tunnelblick (ich vermute, dass damit etwas ähnliches wie unser Hyperfokus gemeint ist), und von fehlendem Müdigkeitsgefühl. Wow. Und wenn ich meine verschriebenen Tabletten nehme? Ich merke davon in der Regel gar nichts. Ich sehe erst am Ende des Tages, wenn ich revue passieren lasse, was ich geschafft habe, dass ich mit entsprechenden Medikamenten mehr schaffe als ohne. Sprich: Die Konzentration bleibt länger erhalten und ich komme nach Ablenkungen leichter wieder in’s Machen. Der ganze Rest? Fehlanzeige, direkt spüre ich höchstens bei einigen Mitteln einen kurzzeitig erhöhten Puls. Auch das sei ganz normal, sagt mein Psychiater. Viele ADHS-Betroffene werden durch Medikamente wohl nur in einen “Normalzustand” gebracht, während neurotypische Menschen einen echten Boost erleben. Willkommen in unserer Welt. :)
Impulskontrolle und Einkaufsverhalten
Stell Dir mal vor, Du liest einen Artikel über irgend eine coole Sache. Nehmen wir als Beispiel LoRaWAN (Long Area Wide Area Network), das mich vor einiger Zeit gefesselt hat. Man kann mit winzigen Geräten und minimaler Funkleistung ein ausfallsicheres Netzwerk zwischen allen Personen aufbauen, die auch entsprechende Geräte betreiben. Ganz ohne Internet, also auch funktionsfähig, wenn mal alles ausfallen sollte. Super für Krisensituationen, mit einer Powerbank funken die Maschinchen mehrere Tage lang und ermöglichen das Senden und Empfangen von Textnachrichten. Und würde ich nicht eigentlich zu Impulskontrolle und Kaufverhalten schreiben wollen, würde das Thema hier jetzt Seiten füllen. Halten wir es kurz: Ich war angefixt.
Wenn ich mich mal bei meinen neurotypischen Freunden umschaue, würde so etwas vermutlich, wenn es überhaupt das Interesse geweckt haben sollte, in einer mentalen Schublade verschwinden. Nach dem Motto “Coole Sache, schauen ich mir irgendwann mal genauer an”. Im Vergleich ich, mehrere Stunden später: “Ich habe jetzt eine Liste von Geräten recherchiert, die in meiner Region sinnvoll betreibbar sind, habe ein Betriebskonzept, habe mit anderen leuten mit demselben Interesse darüber gefachsimpelt und habe in verschiedenen Onlineshops Geräte im Einkaufswagen liegen und muss nur noch entscheiden, wo ich nun was bestelle. Und das werde ich in den nächsten Minuten tun, und wenn ich würfeln muss!” In vielen Fällen habe ich schon ein (manchmal wiederkehrendes) Thema und der Klick auf “kaufen” ist eine Frage von Minuten, weil ich die Recherche schon hinter mir habe. Und wenn’s ein komplexeres Thema ist (Pilzzucht im Schlafzimmer, Innenraum-WLAN-Abdeckung, Notfallvorsorge, …) füllen sich die digitalen Einkaufswagen entsprechend schnell. Dieses “lass mich mal ne Nacht drüber schlafen” ist etwas, das für mich unglaublich schwer umzusetzen ist. Wenn mich etwas begeistert, will ich es JETZT und selbst das Warten auf die Lieferung am nächsten oder übernächsten Tag ist kaum auszuhalten.
Aber Impulskontrolle ist nicht nur Einkaufsverhalten. Gerade bei emotionalen Themen (bzw. solchen, die bei mir eine Emotion auslösen) fehlt mir diese Sekunde des Nachdenkens. Ruhig bleiben und erstmal erforschen, woher diese und jene Emotion kommt, dann einen Schritt zurücktreten und mit etwas Distanz reagieren? Himmel, das klingt toll, wie kann man das lernen? Ich versuche es seit zwei Jahrzehnten mindestens, trotzdem rast jede Emotion direkt ohne auch nur abzubremsen durch alle Schranken. Das sorgt dann oft dafür, dass ich aufbrausend reagiere, schon bei vermeintlichen Kleinigkeiten (die mir aber wichtig sind) explodiere und im ersten Moment erstmal Menschen anblaffe. Mich zu entschuldigen habe ich gelernt, das ist für mich dann zwar schwierig, aber selbstverständlich. Trotzdem ist es schwer, Menschen klarzumachen, dass das wieder passieren wird und ich zwar mein Möglichstes tun werde, um es zu verhindern, mir dafür aber tatsächlich zu großen Teilen das Werkzeug schlichtweg fehlt.
Blick auf Details, Mustererkennung und Filter
“Finde in diesem Bild die Zahl, die anders ist!” - solche tollen Suchbilder begegnen einem spätestens in den Sozialen Netzwerken immer wieder, wenn jemand aller Welt zeigen will, die schnell er oder sie doch die Lösung hatte und wie doof alle anderen sind. Oder der Gedanke ist “verblüffend, was unser Gehirn alles ausblendet”. Ich möchte da nicht allzu viel unterstellen. Spannend ist aber tatsächlich, dass unser Gehirn viele Sachen auf vereinfachte Repräsentationen herunterbricht, um nicht permanent mir zu vielen Informationen überflutet zu werden. Total sinnvoll, funktioniert nur bei manchen nicht so gut. Diese Filter, die zum Beipsiel dazu führen, dass viele Menschen nicht bemerken, dass “Beispiel” in diesem Satz falsch geschrieben war, sind bei vielen Neurodiversen nicht oder nur teilweise funktional. Wir bekommen in vielen Fällen die “volle Dröhnung”. Ein krasses Beispiel sind Menschen mit eidetischem Gedächtnis (man kann Details von etwas, das man gesehen hat, im Detail wieder abrufen) oder Hyperthymesie (man erinnert sich detailliert an beliebige vergangene Ereignisse). Hier unterscheidet das Gehirn nicht zwischen relevanten und unrelevanten Situationen und legt einfach alles ab. Ich glaube, das würde mich komplett irre machen, auch wenn es manchmal ganz schön wäre, mich an wichtige Dinge erinnern zu können, bevor sie aus dem aktiven Gedächtnis verschwinden. ;) Aber zurück zur falschen Zahl im Suchbild: In der Regel erkenne ich auf den ersten Blick, dass irgendwo ein “Bruch” besteht. Eine unscheinbare Abweichung, bei der ich im ersten Moment auch nicht sagen kann, was es ist, aber ich weiß genau, wo ich sie zu suchen habe. Mustererkennung, die Störung im Muster fällt sofort auf und so sehe ich dann auch recht schnell, dass die 1 keine Eins sondern ein l, also ein kleines L ist.
Das funktioniert natürlich nicht nur dann, wenn mir jemand ein vermeintlich spannendes Suchbild präsentiert. Muster verbergen sich überall, unsere moderne Welt basiert massiv auf Symmetrien und gleichartig aufgebauten Dingen. Und jedes mal, wenn es eine Abweichung gibt, erzeugt das bei mir direkt ein Gefühl von “da ist etwas falsch”. Nicht so stark wie bei einer Zwangsstörung, bei der mich die Abweichung stören würde und ich den Dran hätte, sie zu korrigieren, aber die Ansätze dürften dieselben sein. Stifte beispielsweise, die perfekt parallel angeordnet sind und alle auf derselben Höhe liegen, außerdem nach Farbe (und bei Bunt- oder Bleistiften nach Länge) sortiert sind erzeugen ein positives Gefühl bei mir, während es direkt Irritation im Kopf auslöst, wenn zwei der Stifte den Platz tauschen oder anders liegen als der Rest.
Eine intuitive Mustererkennung hat aber auch Vorteile. In meinem Beruf durchforste ich oft lange Logdateien auf Anomalien. In manchen Fällen, wenn ich noch nicht genug über das Ziel meiner Suche weiß und daher noch keine automatische Filterung mittels Programmen anwenden kann, scrolle ich erst einmal händisch ein paar zehntausend Zeilen durch, bis ich ein Gefühl für den Fluss der Meldungen bekomme. Dann erkenne ich teilweise auch schon vor einer programmatischen Analyse Stellen, an denen ggf. eine Zeile zu viel oder anders aufgebaut ist. Nicht immer findet sich auf diese Art die Information, die sich wie die Nadel im Heuhaufen in ellenlangen Textkolonnen versteckt, aber oft genug passiert genau das. Auch das Zeichen zu viel in einer Zeile einer Konfigurationsdatei lässt sich oft so finden, das sich bisher vor allen suchenden Blicken versteckt hat.
Technik und Logik
Bleiben wir mal bei IT-Systemen. Während ich schon als Kind Probleme mit anderen Personen hatte, weil ich die ungeschriebenen Regeln der Kommunikation nicht kannte und beherrschte, gab es diese Probleme mit Technik einfach nicht. Ein Telefon funktioniert immer auf dieselbe Art (gut, die Umstellung von Wahlscheibe auf Tasten und später auf Touchinterface mal rein haptisch ausgenommen) und die Bohrmaschine genauso. Vermutlich würde mir fast jede Person zustimmen, dass man in diesem Kontext relativ wenig falsch machen kann und das Erlernen der Bedienung des Gerätes einfach genug ist. Aber wie sieht das Ganze bei komplexerer Technik aus? Der Taschenrechner? Schon komplexer, man muss die Symbole kennen und die modernen Geräte können noch einiges mehr als die simplen Geräte der 80er. Vermutlich kennt kaum jemand alle Funktionen der moderneren Geräte, außer alle werden regelmäßig verwendet - was ich für unwahrscheinlich halte. Noch ein Schritt weiter: Computer. Während man bei einem Taschenrechner noch relativ sicher sagen konnte, was das Gerät eigentlich genau berechnet, ist das bei frei programmierbaren Rechenmaschinen schon lange nicht mehr so. Ich rede noch nicht mal von Abstürzen, die zu den unpassendsten Zeitpunkten auftauchen, sondern ganz generell von dem Wissen, dass zuverlässig A passiert wenn man B ausführt.
Meinen ersten Computer (einen C64) bekam ich mit acht oder neun Jahren. Damals waren Computer eine spannende neue Technik, vor allem außerhalb der Forschung und großer Firmen. Der Heimcomputer war der heiße neue Scheiß und ich war vermutlich genauso begeistert wie jedes Kind, das so etwas bekommen hat. Oder vielleicht doch nicht? Meine wenigen Freunde hatten Spielekonsolen. NES, Sega Megadrive, Handhelds wie den Gameboy, you name it. Für die konnten sie sich begeistern, mit dem C64 brauchte ich ihnen nicht ankommen. Die Spiele mussten langsam von Kassette oder später Floppy Disks laden, es gab außerdem keine so große Auswahl und was ist das mit diesen Joysticks? Und so blieb ich mit meinem Computer eher alleine, der Begeisterung tat das aber keinen Abbruch. Denn ich merkte relativ schnell, dass das Ding eben mehr ist als nur eine Spielekonsole. Man konnte ihn selber programmieren, kreativ werden, Musik damit machen. Und ich verstand grundlegend, wie die Kiste funktionierte. Nein, ich hatte von Elektronik durch KOSMOS-Experimentierkästen auch nur die Grundlagen verstanden und konnte mir unter einem IC nicht viel vorstellen, aber ich hatte ein Gefühl dafür, auf welche Art ein C64 auf meine Eingaben reagierte und wie ich variieren musste, um zum gewünschten Ergebnis zu kommen. Und weil es mich so sehr interessierte, lernte ich nebenbei meine ersten Wörter in Englisch, denn programmiert wurde natürlich damit.
Die Computer wurden komplexer, modularer und immer chaotischer. Bugs, Abstürze, Inkompatibilitäten, ein dichter Teppich von Herstellern und Komponenten, die irgendwie alle zusammenspielen mussten. Und ich mittendrin, mit jeder Erhöhung der Komplexität lernte ich nicht nur, ich verstand. Ich würde es beinahe als Intuition bezeichnen, was ich da herausbildete. Denn für mich waren die meisten unerwarteten Verhaltensweisen, die Menschen in meinem Umfeld bei ihren PCs (gedanklich bin ich gerade ein paar Jahre in die Zukunft gesprungen) irritierten, gar nicht so unerwartet und die Ursachen waren in der Regel gut erkennbar. Zumindest für mich. Ich muss zwar gestehen, dass dieses intuitive Erkennen von Ursache und Wirkung mit jedem Jahr erschwert wurde, denn die Geräte werden immer komplexer und aufgrund der vielfältigen gleichzeitig ablaufenden Prozesse auch chaotischer, aber dennoch habe ich nach wie vor ein “Gefühl” für IT und Technik. Weil sie, im Gegensatz zu Menschen, doch im Grunde noch den logischen Grundlagen folgt, die ich damals so interessant fand und auch heute noch finde.
Hyperaktivität und Körperkontrolle
Letztens stubste mich eine junge Mutter in der Bahn an. Ich hatte die geräuschunterdrückenden Kopfhörer auf, Musik auf den Ohren, die Augen zu und war eigentlich vollkommen in meiner Welt. Augen auf, Kopfhörer runter, fragender Blick. “Ähm, tut mir leid, ich möchte Sie nicht stören, aber könnten Sie das eventuell sein lassen?” Ich muss wohl genauso verwirrt dreingeschaut haben wie ich in diesem Moment war, denn sie zeigte auf meine Hände, die auf meinem Rucksack lagen. “Das Trommeln, das irritiert gerade mein Kind sehr.” Ich hatte mal wieder im Takt der Musik mitgetrommelt oder die Melodie auf dem imaginären Klavier mitgespielt, ohne mitzubekommen, dass das auf dem Rucksack wohl mehr Geräusche macht als auf dem Bein. Ein Lächeln, eine Entschuldigung, Thema durch. Und die nächste halbe Stunde lang volle Konzentration darauf, die Hände und Füße still zu halten. Denn wippen mit den Füßen bzw. das “Restless Leg Syndrome” sind bei mir auch an der Tagesordnung. Lange still sitzen? Fällt mir unglaublich schwer, denn mein Körper fängt ganz von alleine damit an. Das bewusst zu verhindern ist anstrengend und erfordert Konzentration.
Das Fingertrommeln hat sich bei mir erst mit der Zeit im Erwachsenenalter entwickelt, ich kann mich nicht daran erinnern, das vor einem bestimmten Alter gehabt zu haben. Das Wippen mit Füßen und Beinen kann ich nicht genau einordnen, es kann durchaus sein, dass das schon in jungen Jahren da war. Was auf jeden Fall da war: Kippeln mit dem Stuhl (und so mancher spektakuläre Fall auf den Rücken) und generelles Rumzappeln, gerade bei Langeweile. Ich balanciere heute noch auf den hinteren Stuhlbeinen, meist in Meetings oder Schulungen. Ich vermute, dass das Gehirn sich auf diese Art beschäftigt, um der Eintönigkeit zu entgehen. Dass sich an solchen unbewusst ablaufenden bewegungsmustern menschen stören tut mir ledes Mal leid, wenn ich es mitbekomme. Endgültig abgestellt bekomme ich es leider nicht, aber ich gebe mir Mühe.
Was Körperkontrolle angeht beobachte ich zwar, dass ich deutlich öfter als “normale” Menschen den Fuß gegen Tischbeine, Schränke oder Türen schlage oder mir den Ellenbogen anstoße. Auch offene Getränke auf dem Schreibtisch finden erstaunlich regelmäßig ihr feuchtes, klebriges Ende in meiner Tastatur oder auf dem Sound-Setup. Warum das so ist? Keine Ahnung, vielleicht hängt es mit einer weiteren Beobachtung zusammen, die ich sowohl beim damaligen Führerschein-Anlauf als auch heute beim Spielen am PC mache: Meine Reaktionsgeschwindigkeit ist extrem schlecht! Damals war der Schulterblick eine ständige Quelle der Nörgeleien meines Fahrlehrers. Ich solle nur eine oder zwei Sekunden maximal nach hinten schauen, sonst könne ich ja den Verkehr vor mir nicht beobachten und reagieren, wenn jemand ausschert oder bremst. Ja, aber wie soll ich denn in 1-2 Sekunden alles erfassen, was hinter mir passiert? Remember? Fehlender Filter, ich muss im Kopf erstmal sortieren, was wichtig ist und was nicht und dann noch abschätzen, wie das, was ich sehe, in wenigen Sekunden aussehen wird. Dasselbe bei Spielen, speziell bei solchen, wo ich schnell auf unvorhergesehende Dinge reagieren muss. Shooter zum Beispiel. Meistens bin ich in dem Moment, wo den Gegner als solche erkannt und eine Handlung beschlossen habe, schon wieder auf Start. Wenn meine Körperwahrnehmung ähnlich stark auf der Verarbeitung der eingehenden Reize basiert, wundert es mich nicht, dass ich Füße, Ellenbogen und Hände so oft einen Sekundenbruchteil zu spät bewege. Möglicherweise ist meine Gegenwart einfach eine viertel Sekunde in der Vergangenheit.
Kontakt mit Menschen und Nähebedürfnis
Kontakt mit Menschen kostet mich viel Energie. Eigentlich immer. Bei manchen mehr, bei manchen nicht ganz so viel, aber generell fühle ich mich nach sozialen Interaktionen immer erschöpfter als vorher. Ich vermute, dass ich mich intuitiv mit Menschen umgebe, die möglichst wenig Energie kosten, beweisen kann ich das aber aktuell nicht. Aber: Ich umgebe mich mit Menschen. Ich komme zwar lange Zeit ganz gut alleine zurecht, brauche wenig Input von außen und soziale Interaktion nervt mich in vielen Fällen. Dennoch sehne ich mich nach einigen wenigen Menschen, mit denen ich meine Gedanken teilen kann und die mit mir interagieren. Für mich fühlt sich das nach einem Widerspruch an, weil ich dieses Bedürfnis, Kontakt mit anderen Menschen zu haben, nicht klar erfassen kann. Ich kann nicht sagen, was genau ich daraus ziehe und inwiefern es die gefühlt verlorene Energie, die es kostet, rechtfertigt. Für die betroffenen Personen ist es auch oft seltsam, dass wir zwar eine tolle Zeit miteinander verbringen, ich mich danach aber teils massiv zurückziehe. Und häufig schläft dann der Kontakt auch weiter, weil ich mich selbst wenn ich das Bedürfnis danach habe nicht melde.
Beim Bedürfnis nach körperlicher Nähe entzieht sich das Ganze dann komplett meinem Verständnis. Menschen um mich zu haben ist anstrengend, will ich eigentlich nicht. Ab und zu mal kommunizieren und gemeinsam Dinge erleben: Klar, aber nicht zu oft. Aber stundenlang gemeinsam auf dem Sofa rumgammeln, fernsehen, zocken, lesen und dabei kuscheln: Jederzeit. So nach dem Motto: Sei körperlich da, aber geistig woanders. Widersprüchliche Bedürfnisse, die ich hier tatsächlich auch nur extrem vereinfacht darstellen kann.
Kommunikation, Fehleinschätzungen
Die menschliche Kommunikation hat sich über lange Zeit zu dem entwickelt, was wir heute darunter verstehen. Sprache & Betonung, Mimik, Gestik & Körpersprache, dazu noch viel Kontextverständnis, um “zwischen den Zeilen” zu kommunizieren. Das Ganze dann auch noch kulturell gefärbt, und da fragen mich Leute, wieso ich mit Sprache so ein Problem habe. Ich habe gelernt: Am besten funktioniert für mich, mich primär auf einen Aspekt zu konzentrieren, wenn ich kommuniziere. Am einfachsten ist das mit Textnachrichten bzw. Texten. Auch da könnte ich zwar etwas zwischen die Zeilen packen, aber das ist für mich unnötig anstrengend und ich hantiere primär mit klaren Sätzen udn Kontextwissen, um sie sinnvoll zu platzieren. Sollte ich eine emotionale Komponente benötigen, um nicht mehrere Sätze lang zu erklären, dass Aussage xyz als Scherz gemeint ist oder mich trautig macht, nutze ich Emoticons bzw. Smileys. Am liebsten erhalte ich Informationen auch auf diesem Weg, denn so kann ich jederzeit nachlesen, was mir mitgeteilt wurde und muss nicht mich auf mein Gedächtnis oder das meine Gesprächspartner verlassen.
Andere Menschen sind aber häufig gewohnt, mehr zwischen den Zeilen zu lesen als eigentlich dort untergebracht wurde. Alleine scherzhafte Antworten auf eigentlich neutral gemeinte Informationshappen zeigen das Prinzip dahinter: “Hier, schau mal, die haben ein neues Medikament gegen Fettleibigkeit gefunden, eigentlich wollten sie ein Mittel gegen Krebs finden!” - “Hast Du mich grad fett genannt? :D” Nein, Bärbel, ich wollte Dir ein Stück Information geben, das ich gerade super interessant finde, warum liest Du eine Aussage über Dich daraus? Ich sehe, dass Du das als Witz meinst, aber um den zu platzieren muss es bei Dir dennoch plausibel sein, dass man etwas so meinen könnte. Etwas komplexer ist eine Aussage wie “Ich habe mal das Problem im Mailserver behoben”, aus dem “Du bist nicht in der Lage, den Mailserver sauber zu betreiben” gelesen wird. Brudi, ich wollte Dir nur Bescheid sagen, dass ich den Fehler gefunden und behoben habe und Du Dich nicht mehr drum kümmern musst. Ganz ohne Zeile zwischen den Zeilen.
Die Beispiele oben sind natürlich überzogen und passieren so nicht (so oft). Trotzdem kommt es gerne mal zu Interpretationsschwierigkeiten, wenn ich diese zusätzliche Kommunikationsebene ignoriere und nicht gezielt und (vermeintlich) unmissverständlich fülle. “Vermeintlich”, weil diese Ebene immer interpretiert werden muss und damit generell davon abhängt, was mein Gegenüber damit verbindet. Dasselbe Problem tritt dann auf, wenn man mir Nachrichten mit zusätzlichen, für mich unsichtbaren oder nur schwer zu verstehenden Ebenen schickt. Ich interpretiere die dann entweder gar nicht (ignoriere sie also) oder falsch (wenn ich sie dann zufällig erkenne) und so verstehe ich dann meist die Nachricht wortwörtlich oder halt mit einer falschen Zusatzebene, die ich meistens aber als falsch interpretiert erkenne und ebenfalls verwerfe.
Bei direkter Kommunikation, face2face, verzichte ich in der Regel auch darauf, etwas zwischen den Zeilen zu verstecken, also etwas nicht auszusprechen, aber zu erwarten, dass mein Gegenüber schon versteht, dass da eine stumme zweite Aussage existiert. Auch das führt manchmal zu Missverständnissen, wobei die in der Regel direkt auffallen. Auf jeden Fall sind Menschen regelmäßig irritiert, wenn ich relativ neutrale Aussagen treffe, die sich für sie aber super aggressiv und zu direkt anfühlen. Wenn ich sage “Da wurde ein Denkfehler gemacht, denn …” will ich niemandem die Schuld für irgend etwas geben, ich sage literally nur, dass eine Interpretation fehlerhaft war und liefere meist auch direkt eine Erklärung und eine Lösung mit. Dass man gerade im Unternehmenskontext eher um den heißen Brei herumredet, um ja niemandem (und schon gar nicht dem CEO!) auf die Füße zu treten… well, kann man so machen, ich selber halte das für ineffizient, beuge mich aber im Zweifel dem Wunsch und versuche, Kritik so zu formulieren, dass niemand glaubt, selber einen Fehler gemacht zu haben. Dann dauert es halt eine Weile länger, bis doch mal jemand die Ursache findet und benennt. Ist ja nicht meine Zeit bzw. ich lasse sie mir gut bezahlen.
Namen und Gesichter
Ich glaube, hier kann ich es relativ kurz halten: Ich kann mir weder Namen noch Gesichter gut merken. Letzteres mag daran liegen, dass ich mit keine Bilder in den Kopf zurückrufen kann (und wenn, dann nur schwammig und für Sekundenbruchteile). Gesichter mit irgendwelchen besonderen Merkmalen merke ich mir leichter, Allerweltsgesichter nur schwer. Geschminkte Gesichter erkenne ich abgeschminkt kaum wieder (und anders herum), auf der Straße renne ich auch nach 10 Jahren noch an Kolleg*innen vorbei, weil ich sie nicht erkenne.
Namen bleiben irgendwann auch hängen, aber eine meiner größten Ängste bei einem Arbeitgeberwechsel ist tatsächlich, dass ich wieder monatelang herumrenne und jeden nur mit “Du” oder “Sie” (wobei ich mir auch nur schwer merken kann, wen man nun duzt und wen man siezt) anspreche. Auch hier: Außergewöhnliche Namen merke ich mir einfacher als “Jan”, “Ulf” oder “Daniela”. Zum Glück hat mir bisher kaum jemand ernsthaft übel genommen, wenn ich den Namen vergessen habe. Das auf der Straße nicht grüßen allerdings schon.
Thinking out of the box
Kennt ihr dieses tolle Bild, wo man mit vier geraden Linien neun als 3x3-Matrix angeordnete Punkte verbinden soll? Probiert es mal aus, unter fünf Linien kommt man in der Regel nicht hin. Und natürlich gibt es mehrere Lösungen, die auch mit vier geraden Linien hinkommen, für die man allerdings das vorgegebene Raster in Gedanken verlassen und imaginäre Punkte nutzen muss. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich nicht auf die Lösung gekommen bin, trotzdem aber regelmäßig out of the box denke. Die Grafik ist ein sehr stark heruntergebrochenes Beispiel, was mit dem Denken abseits üblicher Muster gemeint sein kann.
Für mich gehört zum Beispiel das Zweckentfremden von Dingen (meistens Geräten) definitiv dazu. Eigentlich hatte ich einen Luftqualitätssensor bauen wollen, der anhand von fünf LEDs anzeigen sollte, ob Bedarf besteht, die WG mal zu lüften. So weit, so unspannend. Dann kam die Thematik auf, dass Mitbewohner eingeschlossen wurden (ja, sie hatten einen Schlüssel, nervig war es dennoch) wenn jemand das Haus verließ und dachte, es sei niemand mehr da. Oder die Türe blieb aufgeschlossen, weil man dachte, es sei noch jemand in seinem Zimmer. Wir waren fünf Leute, der Sensor hatte fünf LEDs. Also wurde er kurzerhand umprogrammiert, dass er vom Router die angemeldeten Mobilgeräte abfragte, diese mit den einzelnen Mitbewohnern abglich und dann für jeden anwesenden bekannten Mitbewohner eine LED an- bzw. bei Abwesenheit ausschaltete. Gut, das funktionierte nur dann, wen man sein Handy nicht zu Hause liegen ließ, aber hey, die Idee war gut. Oder ein digitaler Lichtschalter, der durch Bewegung direkt davor aktiviert wird, der kurzerhand mit einer LED ausgestattet wurde und als “besetzt”-Anzeige für die nicht abschließbare Toilette im Ferienhaus zweckentfremdet wurde. Andere hätten vielleicht ein Schild drangehängt, aber in meinem Kopf war das die sinnvollere Lösung.
Auch im Beruf hilft mir die Fähigkeit, nicht immer nur innerhalb den von allen grundsätzlich akzeptierten Grundannahmen zu denken. In vielen Fällen muss ich gerade im Einsatz bei Kunden improvisieren und das, was ich vorfinde, kreativ nutzen, um schnell voran zu kommen. Das reicht dann von der temporären Verwendung bestehender Server als provisorische Datenschleuse bis zu einen Access Point, der sich an einem Handy-Hotspot einwählt um bestimmten Netzwerksegmenten kurzfristig beschränkten Internetzugang abseits der bestehenden Zugänge zu geben. Das sind nun sehr einfache und vielleicht noch nachvollziehbare Ideen, die auch ohne ADHS ggf. auf den Tisch gekommen wären (und die wirklich absurden kann ich hier nicht hinschreiben), der Punkt ist aber: Sind sie nicht. Es wurden große Diskussionen geführt, was die Möglichkeiten sind und die Gefahren, aber die simplen, wenn auch unkonventionellen Lösungen waren nicht dabei.
Generell geht es natürlich nicht primär um den kreativen Einsatz von Technik, es geht um kreative Lösungen allgemein. Oder auch das Hinterfragen von vermeintlich klaren Fakten. Was Kinder die ganze Zeit über tun, behalten ADHS-Betroffene oft lebenslang bei, anstatt irgendwann Dinge einfach hinzunehmen: “Warum?” Und mit dem grundlegenden Verständnis einer Sache kann man dann ganz wunderbare Dinge tun. “MacGyvern” beispielsweise.
Ein Beispiel: Ich bin allergisch gegen Wespengift. Eine Wespe sticht mich, ich habe aber gerade kein Notfallset da und stehe vor der Entscheidung, was ich mache bzw. ob ich gleich die 112 wählen soll. Notarzt rufen dauert und es gibt ggf. auch andere Möglichkeiten, die sofort helfen. Aufschneiden und Gift mit dem Blut rauslassen? Je nach Stelle schwierig, riskant und das Gift könnte trotzdem eine allergische Reaktion auslösen. Aussaugen? Bei Insektenstichen eher nicht möglich. Hitze? Hitze! Das Gift besteht aus Proteinen (Eiweiße), Proteine denaturieren bei Hitze (Eiweiß wird beim Kochen aus diesem Grund hart) und lösen so keine starke allergische Reaktion mehr aus. Ein Hitzestift ist zwar ggf. da, hat aber nur eine kleine Hitzefläche und ich weiß nicht, wie sich das Gift verteilt. Also Löffel (habe ich), Feuerzeug (habe ich), den Löffel so weit erhitzen, dass ich ihn an der erhitzten Stelle gerade so nicht mehr anfassen kann, dann auf den Stich drücken und warten. Sollte ein Stachel stecken, den natürlich vorher entfernen. Und dann schnell eine Allergietablette einwerfen und schleunigst zum Arzt. Keine schöne Lösung, nicht angenehm (sind Wespenstiche ansich aber auch schon nicht), aber wirkungsvoll. Und im Zweifel lebe ich lieber mit einem kleinen Stück verbrühter Haut als mit einem lebensgefährlichen Kreislaufschock. Das ist auch KEINE Anleitung zum Nachmachen, sondern ein Beispiel, wie kreatives Denken funktioniert.
Sprachnachrichten und telefonieren
Wie oben erwähnt mag ich Textnachrichten, Mails und alles Geschriebene, weil ich so einen Überblick über das das Gespräch sowie alle Informationen habe und ggf. auch nach Stichwörtern suchen kann. Bei Sprachnachrichten oder Anrufen geht das nicht. Was gesagt wurde ist nur in den Köpfen der Gesprächsteilnehmer und ich vertraue weder meinem Gedächtnis noch dem anderer Menschen genug, um hinterher mit Sicherheit sagen zu können, was genau kommuniziert wurde. Früher habe ich mich oft gestritten, weil ich eine andere Erinnerung an einen Wortlaut hatte als mein Gegenüber. Mit schriftlicher Kommunikation passiert das nur noch sehr selten und meist geht es dann auch eher um die Interpretation des Geschriebenen, nicht mehr um die Inhalte selbst.
Sprachnachrichten sind für mich schwierig. Häufig sind es längere Nachrichten über mehrere Minuten, das heißt, ich muss die Konzentration auf das Gesagte aufrecht erhalten, ggf. Gedankensprüngen folgen und das Ganze hinterher wieder richtig zusammensetzen und erinnern. Manche Sprachnachrichten muss ich drei oder vier mal hören, bis ich mir die wichtigen Punkte notiert habe, auf die ich antworten will. Immerhin kann ich die Nachrichten mehrfach anhören, aber spätestens, wenn es heißt “Das weiß ich grad nicht aus dem Kopf, aber das habe ich Dir in einer der Nachrichten letzten Monat gesagt”, artet das oft in stundenlangen Suchaktionen aus.
Telefonanrufe sind daher für mich eher der worst case. Zum einen kann ich sie nicht dann annehmen, wenn ich gerade den Kopf dafür frei habe, sondern ich muss rangehen, solange es klingelt (und weiß nicht, ob oder wann die Person auf der anderen Seite es ggf. erneut probiert). Zum anderen muss ich schnell und spontan antworten. Ich weiß, klingt easy, aber ich tue mich auch bei normalen Gesprächen sehr schwer und verlasse mich in vielen Fällen auf irgendwann einmal zurechtgelegte Antworten auf spezifische Fragen oder Stichwörter. Am Telefon ist das schwierig, weil das oft Gespräche sind, die komplett ohne Ankündigungen reinkommen. Dann ist es natürlich unmöglich, Dinge, die am Telefon besprochen wurden, nochmal irgendwo nachzuhören oder -lesen. Im beruflichen Kontext fertigt meist eine der beiden Personen eine kurze Zusammenfassung an und lässt sie einem per Mail zukommen (wieso schreiben wir dann nicht gleich per Mail?!), aber privat passiert das in der Regel nicht. Und wenn ich nicht gerade zufällig was zum Schreiben dabei habe, ist die Chance groß, dass ein guter Teil des Gesprächs nach dem Auflegen schon vergessen ist. Mich stresst alleine schon der Gedanke daran.
Wahrheit und Lügen
Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Mensch lügt. Oft, ohne darüber nadchzudenken, ohne die Lüge als solche überhaupt zu beabsichtigen oder als solche wahrzunehmen. “Wie geht es Dir?” - “Gut, danke, und selbst?” - bwohl man eigentlich gerade innerlich verzweifelt und es einem alles andere als gut geht. “Ah, ich wollte Dich gerade anschreiben” ist eine weitere kleine Lüge, die viel zu oft strapaziert wird. Oder “Nein, macht mir nichts aus”, “Gut siehst Du aus” und “Küsschen, freue mich auf morgen”. Eigentlich lügen die meisten Menschen den ganzen Tag über, ohne dass ein böser Wille doer bewusster Gedanke dahinter stehen würde. Das gehört wohl auch zu diesem “zwischen den Zeilen” kommunizieren, denn oft geht es damit wohl darum, jemandem zu versichern, dass er oder sie keine Belastung ist. Oder die eigene Belastung nicht anderen aufzuhalsen. Und ich nehme mich da gar nicht aus, diese kleinen Alltagslügen kriege ich auch nicht komplett aus meinem Verhalten entfernt. Aber ich schraube sie seit Jahren zurück, wo es mir auffällt und Sinn ergibt.
Generell bin ich ein großer Freund der Wahrheit. Klar, die kann weh tun, aber Entscheidungen auf der Basis von Lügen zu treffen, so gut sie auch gemeint sein mögen, ist meist keine so gute Idee. Ich möchte lieber eine unangenehme oder schmerzhafte Wahrheit hören als eine Lüge, die mich schonen soll. Im Endeffekt ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Lüge irgendwann auffliegt, relativ groß. Und DANN tut es meist gehörig mehr weh als am Anfang, wenn man noch nicht so viel auf der Grundlage eben dieser Lüge aufgebaut hat. Und ich wünschte, das würden mehr Menschen so sehen und auch entsprechend handeln.
Bei ernsthaften Lügen werde ich dann auch schnell fuchsig. Die kleinen bemerke ich, denke mir meinen Teil, manchmal spreche ich es auch an, wenn ich weiß, dass mein Gegenüber damit umgehen kann. Die großen bemerke ich und mache ein Fass auf. Auch im beruflichen Kontext. Bei Kunden ggf. mit etwas Zurückhaltung und eher als Ermunterung, mir doch die Wahrheit zu sagen, vergraulen will ich niemanden und repräsentiere ja auch meinen Arbeitgeber. Zum Glück löst so etwas im Kundenkontext bei mir keine echte Wut aus (wenn sie mich anlügen ist’s halt deren Schaden, dann fangen wir halt später mit der ernthaften Arbeit an), sonst könnte ich da nicht ruhig reagieren. Wenn aber unter Freunden, Arbeitskolleg*innen denen ich vertraue oder innerhalb der Familie gelogen wird, um absichtlich jemanden zu täuschen oder um etwas zu verbergen: Game over. Mag ich gar nicht.
Die ADHS-Steuer
Ich habe gerade Feuerzeuge gekauft, im 3er Pack. Sie liegen jetzt bei den anderen 13 Feuerzeugen auf dem Schreibtisch, neben dem Bett liegen auch noch zwei. In den letzten Tagen waren es mit diesen dreien alleine fünf Stück. Nein, ich sammle die nicht, ich vergesse nur permanent, sie auch einzupacken, wenn ich rausgehe. Also eins. Oder zwei. Oder eins in der Jacke zu deponieren, als Notfallfeuerzeug. Normalerweise ist auch in der Innentasche eins, das habe ich nur letztens rausgeholt, weil ich die anderen zu Hause vergessen hatte. Ein klassisches Beispiel für ADHS-Steuer. Solange es nur um die paar Cent für ein Feuerzeug geht, fällt das nicht weiter ins Gewicht, aber das ist nur der harmlose Teil. Notebook-Netzteile, Kabel, Datenträger, digitale Eingabestifte, Taschenlampen (okay, die sammle ich tatsächlich) und lauter Kleinkram, den man immer wieder mal vergessen kann, wenn man seine Siebensachen packt und sich auf den Weg zur Arbeit, zum Kunden, zur Familie, zu Freunden oder sonstwohin macht. Das ist keine Faulheit, das ist auch keine reine Vergesslichkeit - sie sind für mich einfach in dem Moment unsichtbar. Darum habe ich für ganz wichtige Sachen Listen. Meistens für längere Abwesenheiten, von Hygieneartikeln über Unterhaltungsmedien, Klamotten und Datenträgern bis zu Netzteilen, Kabeln und Notfallverpflegung für 1-2 Tage. Aber für “mal eben vor die Tür gehen” habe ich keine Liste. Nicht, dass ich mich dann überhaupt dran erinnern würde, sie durchzugehen. Sie wäre genauso unsichtbar wie die Feuerzeuge. Und so zahle ich jeden Monat brav meine ADHS Steuer für Dinge, die ich bereits besitze (das aber vergessen habe) oder die ich vergesse (un vollem Bewusstsein, dass ich sie bereits besitze).
Was ziehe ich an?
Die Frage aller Fragen, die vom König bis zum kleinen Mann fast jeden beschäftigt, aber irgendwie anders. Die meisten Menschen, die ich kenne, haben irgendwie einen Blick dafür, was zusammenpasst und was nicht, was zu welchem Anlass angemessen ist und was man auf gar keinen Fall tragen oder kombinieren sollte. Es gibt ja auch tolle Artikel, Listen und Übersichten, wo all so etwas aufgeführt ist, das ist immer toll anzuschauen und super weird, weil ich danach trotzdem nicht weiß, was ich anziehen soll. Die Klamotten, die ich besitze, tauchen in solchen Artikeln meist nicht auf. Und die, die dort auftauchen, werden regelmäßig mit anderen Kleidungsstücken kombiniert, die sich bei mir zu Hause nicht finden. Mal ganz davon zu schweigen, dass mich Begriffe wie “casual business” kirre machen, das ist doch schon ein Widerspruch in sich selbst!
Ich besitze genau zwei Anzüge. Eigentlich drei, aber einer ist schon lange reparaturbedürftig, wobei ich ihn so billig gekauft habe, dass die Instandsetzung fast so viel kosten würde, wie er gekostet hat. Warum ich ihn nicht einfach wegwerfe? Ich glaube, zu Hoarding findest Du weiter oben auch etwas. Wie dem auch sei, die beiden anderen Anzüge sind ganz schick, hellgrau und graublau, brauner Ledergürtel, mit weißem Hemd sieht das prima aus, schwarzes Hemd geht auch. Dann Schuhe… uh, ich hatte mir Sneaker im Business-Outfit geholt, die sind in irgend einer Kiste verschwunden. Hatten aber dieselbe Farbe wie der Gürtel. Das letzte Mal hatte ich sie vor Jahren an, seitdem laufe ich mit Sicherheitsschuhen zum Kunden, die wenigstens optisch ein wenig businesstauglich sind. Aber natürlich nicht farblich zum Gürtel passen, man hat mir versichert, das sei wichtig. Well, scheint auch so zu funktionieren.
Was ich sagen will? Ich habe absolut keine Ahnung von Mode. Meistens laufe ich privat und beruflich in schwarzer Cargo-Hose, T-Shirt und besagten Sicherheitsschuhen herum. Den Anzug hole ich nur heraus, wenn es explizit gewünscht ist. Die meisten Kunden bestehen nicht darauf, und wenn ich vorher frage, heißt es in der Regel: “Machen Sie sich keine Umstände, Hauptsache Sie kommen.” Und so halte ich es eigentlich auch am liebsten. Ich spiele nicht gerne Maskerade oder tue so, als wenn mein Anzug mir erst meine Fähigkeiten verleiht. Wer mich mit Anzug ernst nimmt sollte mich im Zweifel auch in Unterwäsche ernst nehmen können, was eigentlich mal eine witzige Idee wäre.
Auf jeden Fall bin ich maximal verwirrt, wenn mir jemand auf einer Party, einem Firmentreffen, einer Hochzeit, im Urlaub oder sonstwo zuraunt, dass meine Kleiderwahl unpassend ist. Ich habe für die meisten Anlässe keine Idee, was man anziehen sollte. Ich komme so, wie ich mich wohlfühle, im Zweifel plain black. Nicht weil ich ignorant bin, sondern weil ich keinerlei Gefühl für anlassbezogene Kleidung habe.
Oversharing und private Informationen
Eigentlich eine tolle Selbstreferenz auf genau diesen Artikel. Und ich glaube, für den Moment lasse ich das genauso stehen.
Musik
Möglicherweise hat meine bevorzugte Musik auch etwas mit ADHS zu tun. Ich höre am liebsten Metal, gerne komplex, gerne melodisch, Progressive ist super. Sowohl Metal als auch Rock in dem Kontext. Oriental Metal und diverse japanische Metalbands finde ich toll, weil sie nicht unserem immergleichen westlichen Takt folgen. Einfache Melodien und Rhythmen können zwar schön sein, sind mir aber oft zu öde.
Ich habe mal einem damals noch recht neuen Freund eins meiner Lieblingsstücke vorgespielt. Progressive Rock, über 12 Minuten lang, mehrere Taktwechsel, schön variiertes Hauptthema über die ganze Länge weg. Er kannte so etwas nicht und war von den vielen Eindrücken und der Länge etwas überfordert, fand die Musik zwar interessant und irgendwie angenehm, aber auch too much. Für mich ist das genau das richtige, ich bekomme über die ganze Länge weg verschiedenste Inputs und selbst wenn ich den Song quasi auswendig kenne, wird er nicht langweilig.
Spontaneität und innere Monologe
Wer mich als spontan bezeichnet, nennt auch eine Schildkröte schnell. Wer mich so richtig aus dem Konzept bringen will, nimmt mich einfach ohne Vorwarnung an der Hand und sagt “So, wir gehen jetzt was unternehmen”. Mit etwas Glück erinnere ich mich am nächsten Tag kaum noch daran, weil ich die ganze Zeit damit beschäftigt war, vollkommen unvorbereitet mit nicht vorhersehbaren Situationen umzugehen. Wem jetzt auffällt, dass ich ja einen Job habe, in dem ich in genau solche Situationen geworfen werde: Vollkommen korrekt gedacht, das wäre auch ein großes Problem, aber: Ich bereite mich darauf vor. Ich fahre mit einem riesigen Koffer voll Gepäck zum Kunden, bin mental drauf vorbereitet, dort in eine mir unbekannte Umgebung zu stolpern und im Zweifel einmal alles auf links zu krempeln. Das ist okay, das ist mein Job und ich habe in der Regel genug Vorlauf, um an alles zu denken und entsprechend zu planen. Aber aus heiterem Himmel heraus in eine neue Situation geworfen werden? Panik!
Weiter oben habe ich an der einen oder anderen Stelle erwähnt, dass ich nicht mühelos schnelle (und ggf. wortwitzige) Antworten geben kann. Und das stimmt soweit auch. Ich führe seit vielen Jahrzehnten innere Monologe. Jede Situation, die mir in den Kopf schießt und die ich noch nicht kenne oder die mir Angst macht, bereite ich so voe. Ich überlege mir, was ich in welcher Situation sagen könnte, was die Antwort sein könnte und wie ich von da das Gespräch weiterführen kann. Klingt kompliziert? Ist es auch, weil es an jedem Entscheidungspunkt unzählige Varianten gibt, wie das Gespräch weiter verläuft. Ich suche die heraus, die ich für wahrscheinlich halte und spiele die Möglichkeiten so lange durch, bis ich mich sicher fühle. Aber das Ganze passiert auch noch mal im Nachgang, speziell nach Streitgesprächen. Da geht es dann darum, wie ich hätte reagieren können, wie mein Gegenüber möglicherweise auf dies und jenes reagiert hätte, und so weiter. Im Gegensatz zu den schon seit langem vorbereiteten Antwortfetzen sind das jedoch aufwühlende Monologe, die die Situation im Kopf präsent halten und es nicht zulassen, dass ich diese Emotionen reguliert bekomme. Oder ist es anders herum? Die unregulierten Emotionen sorgen für diese Dauerschleife? Ich weiß es nicht, jedenfalls dauern solche Nachwirkungen von unangenehmen oder verletzenden Situationen oft Tage bis Wochen, bis sich ein Gleichgewicht einstellt und ich etwas klarer denken kann. Ein klärendes Gespräch kann auch helfen, diese Kreise zu druchbrechen, aber es passiert oft genug, dass auch das nichts hilft. Da die innere Stimme mich dann auch nicht schlafen lässt, bin ich in solchen Zeiten auch ziemlich gerädert und ausgelaugt.
Entscheidungen und Kompromisse
Entscheidungen zu fällen ist nicht immer leicht für mich. Kurioserweise sind weitreichende und große Entscheidungen meist einfacher, weil ich mich damit dann in der Regel auch eingehend beschäftigt und alle Pro- und Contra-Punkte berücksichtigt habe. Wenn zwei große Entscheidungen als “entweder-oder-Entscheidung” zur Auswahl stehen, kann es auch schon mal vorkommen, dass ich eine Münze oder einen Würfel werfe. Nicht, dass ich mich verpflichte, dann dem jeweiligen Ergebnis nachzugehen, aber in solchen Momenten merke ich sehr genau, ob mein Kopf dann jeweils “yay!” oder “nay!” sagt. Das ist dann bei zwei gleichwertigen Möglichkeiten das Zünglein an der Waage. Deutlich schwieriger sind dann aber kleinere Entscheidungen, bin zur Entscheidung, was ich heute essen möchte. Wenn ich mit jemandem im Restaurant sitze, suche ich mir in der Regel die drei oder vier Gerichte aus, die ich mir am ehesten vorstellen kann und werfe dann im Kopf einen Würfel, dem ich dann auch folge. Würde ich ernsthaft eine Entscheidung auf die althergebrachte Art treffen wollen, würde ich sehr lange brauchen. Und am Ende vermutlich auch wieder Münze oder Würfel werfen. Long story short: Fachlich oder sonstwie fundierte Entscheidungen: Unstressig. Spontane Entscheidungen nach Bauchgefühl: Geh weg!
Kompromisse einzugehen musste ich auch erst einmnal lernen und wie wohl ich mich damit fühle hängt von vielen Faktoren an. Die wichtigsten sind wohl, wie sehr ich der bzw. den Personen vertraue, mit denen ich mich auf einen Kompromiss einlasse, sowie meine fachliche Expertise und die Gründe für “meine” Lösung. Wenn ich nicht daran glaube, dass der Kompromiss durchdacht ist oder überhaupt funktioniert, gehe ich ihn nicht ein oder ziehe mich im Zweifel aus der Menge derer, die den Kompromiss tragen müssen, heraus. So etwas ist früher zu oft in “told you so”-Momente hinausgelaufen und am Ende musste ich trotzdem dafür gerade stehen. Wenn ich mich auf einen Kompromiss einlasse, dann stehe ich natürlich auch dazu. Und gerade in den letzten Jahren hatte ich sehr positive Erfahrungen in dieser Hinsicht, weil wir uns bemüht haben, die Sichtweise und Begründungen aller Beteiligten anzuhören und zu berücksichtigen, soweit das möglich war. Und so entstanden Kompromisse, mit denen auch eine größere Anzahl von Menschen gut leben konnte und die die eigentlichen Gedanken hinter der Angelegenheit ansich nicht ignorierten.
Stresssituationen
Während ich im Alltag oftmals mit lähmenden Gedankenblockaden und einem gefühlt niedrigen Energielevel zu kämpfen habe, drehe ich unter Stress voll auf. Also ab. Also anders. Ich erklär’s.
In Situationen, die andere als stressig, bedrohlich oder chaotisch erleben (Thema Incident Response, Hausbrand, …) schaltet mein Kopf in den Leistungsmodus. Störende Seitengedanken sind plötzlich ganz leise oder ganz weg, der Fokus auf die wichtigsten Aufgaben in so einer Situation ist messerscharf und mein Herzschlag geht auf vernünftige Werte herunter. Ich werde ruhig, konzentriert und zweifle in keiner Sekunde an meiner Expertise. Ich manage den Vorfall, gebe klare Anweisungen (bzw. schlage DInge vor, denn Weisungsgewalt habe ich in den seltensten Fällen), beruhige Menschen, lasse meine Gelassenheit auf sie abfärben. Klar kann es auch mal hektisch zugehen, gerade wenn schnelle Entscheidungen und Aktionen notwendig sind. Egal wie, viele nehmen mich in so einer Situation als Fels in der Brandung wahr, der im allgemeinen Chaos etwas Ruhe stiftet.
Offensichtlich sind es genau solche Situationen, in denen viele ADHS-Menschen zur Höchstform auflaufen. Sie haben eine klare Aufgabe, können sich voll auf die Situation konzentrieren, bekommen von allen Seiten Input, den sie verarbeiten müssen und sie können (und müssen) kreativ werden. Gerade in Krisensituationen bemerke ich bei mir, dass meine Gedanken sehr schnell in Richtung Problemanalse und -Lösung gehen, und sei es nur eine temporäre Lösung, bis man Zeit hatte, die endgültige zu finden. Die Situation schnell stabilisieren, um Zeit zum Durchatmen zu verschaffen. Ich sehe, dass andere Menschen diesem Druck oft nicht standhalten und tue alles, um sie schnell davon zu befreien. Und manchmal frage ich mich, ob ich in Situationen, wo ich selber nicht nur Außenstehender sondern Betroffener wäre, genauso ruhig und gelassen bliebe.
Zu viele solcher Situationen scheinen aber auch ihren Tribut zu fordern. Ständig in Bereitschaft zu sein und auf gepackten Koffern zu sitzen, um beim nächsten Anruf nach Pusemuckelstadt zu fahren oder remote den Fall zu betreuen, der Stress vor Ort und der Crash, wenn man nach Tagen, Wochen oder gar Monaten wieder daheim ankommt und erstmal ein paar Tage das Bett nur noch für das Nötigste verlässt, … das schlaucht. Ich habe das Gefühl, dass mein Kopf immer weniger aus dem Alarmmodus (der zwar ruhig und konzentriert abläuft, aber trotzdem Stress bedeutet) herauskam und dass die schlimmer werdenden Depressionen unter anderem auch dieser Tätigkeit geschuldet waren. Nach allem, was ich heute über ADHS, Depressionen und auch Autismus weiß, ist das ziemlich wahrscheinlich.
Essgewohnheiten
Es ist immer wieder lustig, manchen Menschen beim Entgleisen ihrer Gesichtszüge zuzuschauen, wenn sie mich (aus welchen Gründen auch immer) beim Essen beobachten. Bei den meisten Gerichten haben sich die Zubereitenden oder zumindest die, die das Rezept ersonnen haben, ja durchaus etwas bei der Zusammenstellung der einzelnen Komponenten der Mahlzeit gedacht. Und während die Sache beispielsweise bei Gemüsereis noch relativ einfach ist (man isst alles zusammen mit Gabel oder Löffel), wird es bei Nudelsalat mit Fleisch- oder Sojastückchen und Paprikastreifen schon schwieriger. Man kann das alles zusammen essen. Oder man pickt sich erst die Nudeln, dann die Paprika und schließlich den Rest heraus und isst alles nacheinander. Von größeren, zwar auf einem Teller befindlichen aber gut trennbaren Sachen mal ganz abgesehen: Erst das Fleisch (penibel von jedem Stück Fettrand befrteit), dann das Gemüse, schließlich das Kartoffelpüree, da darf dann auch Soße dran, kein Problem. Und ich musste mich oft genug erklären, dass ich es einfach so mag, dass ich jede Komponente für sich genießen möchte, yadda yadda. Was daran so schlimm ist, nicht alles als ein Gesamtes zu essen, sondern alles einzeln (im Magen kommt es doch eh zusammen, egal in welcher Reihenfolge ich es esse), erschließt sich mir nicht. Und natürlich KANN ich alles auch zusammen essen, wie von den Rezeptschreibenden vorgesehen. Ich WILL es aber nicht.
Ansonsten koche ich selber zwar unglaublich gerne, aber für mich alleine eher nicht. Da ist maximal eine Gemüsesuppe drin, wenn ich erkältet bin und Wohlfühlsuppe brauche. Ansonsten: Pizza, Fertiggerichte, asiatische Nudelsuppen oder Reisgerichte, ’ne Portion Pommes aus der Heißluftfritteuse, ab und zu frisches Obst oder Gemüse oder ein paar Eier. Und das üblicherweise abends, denn morgens und mittags esse ich in der Regel eher nichts. Das hat sich irgendwann in den letzten Jahren so ergeben und ich komme damit ganz gut klar, auch wenn es bedeutet, dass ich nicht mit den Kolleg*innen mittags gemeinsam esse. Meistens ist mir das ganz recht, ich nutze die Zeit lieber, um konzentriert zu arbeiten, wenn das Büro mal leer genug zum Durchatmen ist. Ansonsten knabbere ich gerne abends mal an Kartoffelchips herum oder esse einen Yohgurt (und vergesse hoffentlich nicht vorher die Laktasetabletten). Generell mag ich veganes Essen, bin aber zugegebenermaßen zu faul, mich bei jedem Einkauf damit zu beschäftigen, also läuft es zu 90% auf vegetarisch hinaus. Die restlichen 10% sind Fleisch, was mir tatsächlich ein schlechtes Gewissen macht, aber noch nicht genug, um komplett darauf zu verzichten. Vielleicht ist irgendwann auch für so etwas wieder genug Energie und Umsetzungswille da.
Druck und Kontrolle
Sollte sich mal jemand fragen, wie man mich (und vermutlich viele andere ADHS-Betroffene auch) gezielt ärgern und im Job oder auch in Beziehungen lähmen kann? Du ahnst es - Druck und Kontrolle sind Motivationskiller. Je mehr ich mich für etwas rechtfertigen muss, je mehr Druck ausgeübt wird, um Dinge zu erreichen, je mehr kontrolliert wird, wie genau man Arbeitszeit oder auch Freizeit verbracht hat, desto schlimmer fühlt sich das für mich an. Dass ich für Kunden meine Stunden aufschreibe und dort vermerke, was ich damit getan habe: Geschenkt, das ist sinnvoll und fair dem Kunden und der eigenen Firma gegenüber, denn auf irgendeiner Grundlage muss ja eine Rechnung geschrieben werden. Für Tätigkeiten, die jedoch nicht abgerechnet werden, also interne Tätigkeiten für die eigene Firma, fühlt sich das Ganze nach Kontrolle um der Kontrolle wegen an. Oder, um mehr Druck ausüben zu können, wenn die Leistung nicht den Erwartungshaltungen entspricht. Und vielleicht funktioniert das ja bei Neurotypischen sogar, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es sich für mich nach Überwachung, Misstrauen und Drangsalierung anfühlt. Das war bisher bei jedem meiner Arbeitgeber so und ich vermute, dass ich dieses Gefühl auch nicht loswerden kann. Und leider muss ich gegen dieses Gefühl ankämpfen, womit weniger Energie für die eigentlichen Aufgaben übrig bleibt, und so sorge ich ohne es zu willen dafür, dass die, die entsprechende Kontrollen einsetzen, einen Grund sehen, mehr zu kontrollieren und mehr Druck zu machen. Eine Abwärtsspirale, deren Ursache leider kaum jemand wahrnimmt.